Nadia Murad, die erst 24 Jahre alte UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Opfer von Menschenhandel, war nach Potsdam gereist, um über ihr Schicksal und das Schicksal ihres Volkes zu berichten. Nadia Murad ist Jesidin, Angehörige einer kleinen, religiösen Minderheit in Kurdistan. Angehörige eines Volkes, das über Jahrhunderte hinweg verfolgt wurde - bis heute. Sechs ihrer Brüder und die Mutter wurden vom Islamischen Staat ermordet, Murad selbst verschleppt und vergewaltigt. "Ich habe die schlimmsten Grausamkeiten erlebt", sagte Murad. Dann berichtete sie von Kindern, die vom IS einer Gehirnwäsche unterzogen wurden und sich anschließend als Selbstmordattentäter in die Luft sprengten.

Dass Nadia Murad gestern vor dem Potsdamer Landesparlament sprach, hat indes einen konkreten Grund: Im Dezember beschloss der Landtag mit den Stimmen aller Fraktionen außer der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), für verfolgte Jesiden ein besonderes Flüchtlingskontingent zu schaffen. Im Mai wird deswegen auch das religiöse Oberhaupt der Jesiden, der Baba Sheik, vor den Abgeordneten sprechen.

Denn noch immer leben mehrere Tausend Angehörige der Minderheit in den Flüchtlingslagern des Nordirak. "Ich habe als Überlebende eine Verantwortung, für jene zu sprechen, die noch immer leiden", sagte Murad. Sie forderte das Land auf, sich auf allen Ebenen dafür einzusetzen, dass die Verbrechen des IS an den Jesiden und anderen religiösen Minderheiten als Völkermord anerkannt werden. "Dieser Völkermord ist noch nicht vorbei", sagte Murad. "Ich werde jedes Bundesland, jeden Staat, den ich besuche, darum bitten, mehr Personen aufzunehmen."

Im Landtag gab es gestern keine Debatte zur Rede Murads. Das aber war auch gar nicht nötig. Denn allein, dass der Landtag der verfolgten Jesidin die Möglichkeit zu einer Rede gab, war ein wichtiges Signal. Und als Murad schloss und von Landtagspräsidentin Britta Stark (SPD) und Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) verabschiedet wurde, erhoben sich die Abgeordneten sichtlich bewegt zum Applaus von ihren Sitzen. Die junge Jesidin hatte ihr Publikum erreicht - nun muss nur noch der Beschluss zur Aufnahme der Jesiden in die Tat umgesetzt werden.