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| 10:24 Uhr

Stalin und Schamanen

Noch gehen die Uhren auf der Baikalinsel Olchon anders als im Westen. Über unbefestigte Straßen regt sich in Chuschir niemand auf.
Noch gehen die Uhren auf der Baikalinsel Olchon anders als im Westen. Über unbefestigte Straßen regt sich in Chuschir niemand auf. FOTO: Selmons
Tektonik heißt die Lehre vom Zusammenfügen der Einzelteile zu einem Ganzen. Oder auch: Lehre von der Bewegung der Erdkruste. In Sibirien lässt diese Plattenbewegung ein neues Meer entstehen – noch gilt der Baikal jedoch als See. In Bewegung ist auch seine größte Insel. Auf Olchon zeigen sich die Spannungen und Verwerfungen nicht nur in regelmäßigen Erdbeben. Neue Kräfte zerren an den Ecken des idyllischen Eilandes. Nicht alle sind willkommen. Olchon steht beispielhaft für das Leben der Menschen in Sibirien. Von Jan Selmons

Die Leute in Sibirien sind auf der Suche, ist sich Jekaterina Antschiforowa sicher. Nach Russifizierung, Christianisierung, Lenin, Stalinismus und Perestroika versucht jeder seine Lebensphilosophie zu entdecken. Welche Götter am Ende mit welchen vermischt werden, ist nebensächlich. "Das sind doch alles Teile unserer Geschichte", sagt Frau Antschiforowa zwischen den Fotografien der Helden der Arbeit im Heimatmuseum von Chuschir. Die Menschen sind noch heute auf ihre Helden stolz und auf den Großen Vaterländischen Krieg, "obwohl wir objektiv nicht als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen sind". Eine Spur Bitterkeit schwingt in den Worten der erst 24-jährigen Kulturhistorikerin mit.

Draußen sind alle Klischees zu finden: Keine richtigen Straßen, keine Elektrizität, kein fließendes Wasser und „Donnerbalken“. Chuschir, mit gut 1200 Einwohnern der größte Ort der Insel Olchon, bietet alles, was dem Mitteleuropäer in einer Baikal-Fernseh-Reportage dramatisch aufgepeppt einen wohligen Schauer über den Rücken jagen würde.

"Mit einem Mercedes kann ich zur Hochzeit fahren", dröhnt der Fahrer der Tabletka. Die Automobilwerke in Uljanowsk (Uas) bauen den jeepähnlichen Bus, der gerade umzukippen droht in den tiefen Fahrrinnen des zerpflügten Weges. Tabletka nennt er sein provisorisch mit Flugzeugsitzen ausgestattetes Gefährt, weil es normalerweise als Krankenwagen eingesetzt wird. Der Uas bahnt sich den Weg in Richtung Norden, auf der 70 Kilometer langen und durchschnittlich zehn Kilometer breiten Insel.

Olchon bietet alle Landschaften Sibiriens auf engem Raum: Steppe, Urwald, Sumpf, Dünen und Steilküste wechseln sich ab. Kultstätten der Schamanen, idyllische Fischerdörfer, ein Flugzeuglandeplatz auf der Wiese und ein Teil eines ehemaligen Gulag erzählen sibirische Geschichte. Wie viele Menschen in Pestschanaja seit der Gründung des Gefangenenlagers in den 50er-Jahren ums Leben kamen, ist kaum zu sagen. Die Grundmauern der Baracken stehen noch.

Ein maroder Steg führt in den See. Bahnwaggons kamen hier per Schiff von einem Gleis, das von der Transsibirischen Eisenbahn abzweigte. Im Lager starben viele Häftlinge innerhalb eines Jahres am sibirischen Klima und harter Arbeit. Sie stellten Fischkonserven her. Unter anderem für die DDR. Der Friedhof liege inzwischen unter der Wanderdüne, weiß der Fahrer. Nichts erinnert an die Gefangenen. Höchstens ein paar verrostete Büchsen im Sand deuten auf die dunkle Vergangenheit.

Heute bahnt sich die Vielfalt den Weg und führt zu einer kruden Religionsmischung. In manchem Jeep liegt neben der russisch-orthodoxen Ikone ein dickbauchiger Buddha auf dem Armaturenbrett oder Räucherstäbchen beruhigen die Nerven der Mitreisenden.

Eine Wiedergeburt erlebt derzeit der Schamanismus auf der Insel, auf der ursprünglich der mongolide Volksstamm der Burjaten siedelte. Wie kleine Raketen recken sich an den Kultstätten Pfähle am Wegesrand in den Himmel. Rundherum liegen Gegenstände verstreut – Opfergaben. "Bloß nichts mitnehmen", empfiehlt der Führer. Das bringe Unglück. In der Stalin-Ära half den Kultstätten aller Zauber nichts. Die Pfähle wurden abgesägt.

Damit kappten die Kommunisten eine Identitätsader der ursprünglich auf der Insel ansässigen Burjaten, dem mit heute etwa 420 000 Angehörigen größten sibirischen Urvolk.

Seit der Perestroika dürfen deren Schamanen wieder offiziell Kontakt zu den Geistern aufnehmen. Der bekannteste Schamane Olchons, Walentin Wladimirowitsch Kagdajew, hält inzwischen sogar Vorträge an der Irkutsker Universität.

Auch dem tibetanisch geprägten Buddhismus, der in Burjatien bis zum 18. Jahrhundert auf dem Vormarsch war und sich – auch nicht gewaltfrei – mit dem Schamanismus vermischte, widerfuhr das gleiche Schicksal. In den 30er-Jahren starben vermutlich tausende Mönche bei der Zerstörung ihrer Klöster in Sibirien.

Rückbesinnung zur alten Kultur

Studiert wird schnell in Sibirien, wie in ganz Russland. Das Schulsystem hat sich bewährt: Warum also mit dem einbrechenden Kapitalimus über den Haufen werfen, was gut funktioniert, möchten die vielen kleinen Schulen und Bibliotheken in den winzigen Käffern Sibiriens trotzig ausrufen.

Obwohl auch Olchon mit dem Geburtenknick aus den unsicheren Zeiten Anfang der 90er-Jahre zu kämpfen hat, erklärt die frühere Dorflehrerin von Charanzuj, einem Hundert-Seelen-Ort auf der Westseite der Insel. Ihre Schule hat dicht gemacht. Nur einen Arzt gebe es noch. Selten kämen Fremde nach Charanzuj.

Die Burjatin will ein bisschen plaudern. Sorgen macht sie sich: Über das veränderte Klima in den letzten Jahren und über die Waldbrände, die weniger mit der Trockenheit als mit der Kaltschnäuzigkeit chinesischer Spekulanten zu tun haben, meint sie. Für viele Inselbewohner steht fest: Chinesen lassen durch Strohmänner Waldstücke abbrennen, weil so der Preis für das Land sinkt. Später würde der Grund und Boden dann über Strohmänner billig gekauft. Die Leute sagen: Früher gab es so etwas nicht.

Im "Choroschi" gibt es auch Dinge, die es früher nicht gab: Sachen aus dem Westen. In dem Laden, der übersetzt "Gutes" heißt, stehen Joghurts in Plastebechern in den Auslagen und Mars-Schokoriegel werben für die neue Zeit. "Richtig durchgesetzt hat sich das nicht", sagt Jekaterina. Zu teuer seien die bunten Packungen und "die Leute haben dann gemerkt, dass es gar nicht so gut schmeckt". Inzwischen sind die Verpackungen der regionalen Lebensmittel-Hersteller im Design angepasst: Kefir gibt es aus dem Tetrapak, Bier in farbenfrohen 1,5-Liter-Einwegflaschen aus Polyethylen. Die Sibirier mögen Bier und trinken viel davon. Einige sieht man schon am Morgen mit der Flasche in der Hand.

Vater Baikal ernährt

Vor dem "Choroschi" zieht ein alter Trecker ein verbeultes zehn Meter langes Schiff über den Platz. Sein Kiel schneidet lärmend tiefe Furchen in den Kiesweg neben dem Denkmal für die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges.

Auf dem Baikal kehren im Abendlicht ein paar Fischer in ihren Kähnen heim. "Vater Baikal" nennen sie den See liebevoll. Er ernährt die meisten Menschen der Insel und er wird es immer tun. "Da ist egal, welche Farben die Fahnen haben oder wie die aktuellen Götter heißen", sagt ein Fischer. Das wissen alle auf Olchon.

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Hintergrund Sibirien – ein ethnischer Schmelztiegel
Auf der Jagd nach Pelzen – vor allem denen des Zobels – und Gold zogen die Russen vom 16. bis 18. Jahrhundert nach Osten bis über die Beringstraße. Teile Alaskas und Kaliforniens waren zeitweise dem Generalgouverneur der sibirischen Metropole Irkutsk unterstellt.
Etwa 31 Millionen Menschen – 20 Prozent der Gesamtbevölkerung Russlands – leben auf der Fläche von rund 10 Millionen Quadratkilometern.
Von den Ureinwohnern leisteten hauptsächlich die Burjaten den Eindringlingen Widerstand. Die ungefähr 420 000 Angehörigen dieses Volkes leben heute vor allem in ihrer Republik Burjatien mit der Hauptstadt Ulan Ude. Daneben leben noch Jakuten (210 000), Tuviner (210 000), Chakassen (80 000), Altaier und im Norden Nenzen, Mansen, Ewenken im Völkergemisch Sibiriens. Auf Sachalin lebt die Volksgruppe der Oroken mit gerade 80 Angehörigen.

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