Der Weg aus Norden ins sächsische Wittichenau führt über Hoyerswerda. Viele der Plattenbauten in der Neustadt stehen leer, sind zum Abriss verdammt oder, wie gegenwärtig in der Ferdinand-von-Schill-Straße, bereits auf einen Schuttberg geschrumpft. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hat die einstige Stadt der Energiearbeiter zwischen 1990 und 2003 knapp 20 000 Einwohner verloren. Eingemeindungen abgerechnet sind es sogar noch 10 000 Menschen mehr, die Hoyerswerda aus verschiedensten Gründen den Rücken gekehrt haben. Es gibt 3000 Wohnungen weniger als vor den Wende.
In Wittichenau, vier Kilometer von Hoyerswerda entfernt, ist am Alten Bahnhof ein Neubaugebiet mit Mehrfamilien- und Reihenhäusern sowie Eigenheimen entstanden. Fenster ohne Gardinen als äußeres Zeichen von Leerstand gibt es hier nicht. Kein Wunder, denn das einst kleine, unscheinbare Ackerbürgerstädtchen Wittichenau wächst. Im Jahre 2003 gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2900 Bürger mehr als im Jahre 1990. Viele der Bewohner sind aus Hoyerswerda hierher gezogen. Katharina Balland (65) gehört zu ihnen. Vor knapp drei Jahren hat sie Hoyerswerda verlassen, nicht ganz freiwillig, wie sie bekennt. Ihr Block, 1975 im Wohnkomplex IX der Neustadt von ihrem einstigen Betrieb, dem Wohnungsbaukombinat (WBK), gebaut, wurde dem Erdboden gleichgemacht. „Wir waren am Schluss nur noch drei Familien in dem großen Haus“ , sagt die Rentnerin. „Vielleicht wären wir in Hoyerswerda geblieben. Man hat uns aber nur Wohnungen angeboten, in denen nichts gemacht wurde. Da war die Angst groß, später wieder umziehen zu müssen.“

Zeitig die Weichen gestellt
Aus eigenem Antrieb haben Janine Jüpner (34) und Ehemann Matthias (40) mit ihren Kindern Giselle (9) und Julien (12) Hoyerswerda verlassen. In ihrem neuen Zuhause fühlen sie sich wohl, sagt Matthias Jüpner. Vor allem gefällt der Familie der Zusammenhalt in der Stadt.
Matthias Jüpner lobt nicht nur die gute Infrastruktur, sondern auch das gesellige Leben - den Karneval, das Brauerei- oder Erntedankfest.
Bürgermeister Udo Popella (56, CDU) sieht die Wurzel für das Wachstum seiner Stadt auf heute rund 6300 Einwohner in Entscheidungen des Stadtrates kurz nach der Wende. Am Alten Bahnhof hatte das WBK rohbaufertige Häuser hinterlassen. „Der Stadtrat hat erhebliche Kredite aufgenommen, damit sie fertig gebaut werden konnten“ , blickt er zurück. „Wir haben sehr zeitig gewusst, was wir wollten. Der Stadtrat hat sich nicht wegen der Millionenkredite zerstritten“ , ist er heute noch froh über die Weitsicht der Abgeordneten.
In kurzer Zeit entstanden so 250 neue Wohnungen. Die Stadt gründete eine Wohnungsgesellschaft und sogar eine eigene Energieversorgungsfirma, „vielleicht die Kleinste in ganz Deutschland“ , so der Bürgermeister. Fast alle Straßen haben inzwischen einen neuen Belag, die Leitungen für Gas- und Trinkwasser sind erneuert. Das Wald- und Strandbad erhielt eine Frischkur, die Schule eine Turnhalle. Im Gewerbegebiet gibt es weniger Handels-, dafür mehr Produktionsfirmen, die Agrargenossenschaft hat überlebt. Die Arbeitslosigkeit liegt in Wittichenau nach Angaben von Popella zwischen zehn und 13 Prozent, bei rund 17 Prozent im Landkreis Kamenz und über 20 Prozent in Hoyerswerda.
Das alles hat Geld gekostet. Auf den Schultern jedes Einwohners lastet umgerechnet eine Schuld von 1300 Euro. Die Stadt muss einen strengen Haushalt führen, doch Popella sagt: „Ich würde alles wieder so machen, vielleicht sogar noch mehr riskieren.“
Ortswechsel. Den höchsten Zuzug in der Region hat nach Angaben der Bundesstatistiker die Stadt Uebigau-Warenbrück im Elbe-Elster-Kreis. Zwischen 1990 und 2003 wuchs der Ort demnach nahezu explosionsartig um 220 Prozent von rund 2000 auf über 6500 Einwohner. Bürgermeister Andreas Claus (41, parteilos) relativiert. Den zahlenmäßigen Aufschwung habe vor allem der Zusammenschluss von Uebigau mit Warenbrück im Jahre 1998 gebracht. Jedes Jahr verliere die gemeinsame Stadt etwa 100 Bewohner, weil weniger Kinder geboren werden als alte Menschen sterben. Relativ stabil sei die Einwohnerzahl von Uebigau. Als Erfolgsmodell bezeichnet Claus die Erneuerung des historischen Stadtkerns. „Wo solche Wohnungen saniert werden, sind sie auch schnell belegt“ , stellt er fest.

Optimismus in Lübbenau
Nicht ganz so gebeutelt mit Einwohnerschwund zwischen 20 und 40 Prozent wie Guben, Hoyerswerda oder Weißwasser, aber dennoch mit zehn Prozent betroffen ist Lübbenau. Mehr als 2000 Leute haben den Ort zwischen 1990 und 2003 verlassen. Für Bürgermeister Helmut Wenzel (43/parteilos) gibt es zwischen Wachsen und Schrumpfen der Spreewaldstadt einen untrennbaren Zusammenhang. Mit den Kraftwerken Lübbenau und Vetschau brachte es Lübbenau zu DDR-Zeiten auf mehr als 20 000 Einwohner.
Als die Schalter in den Kraftwerken umgelegt waren, setzte vor allem aus den Satelliten-Komplexen am Rand der Stadt „die Flucht“ ein. Denn die Kraftwerke hatten immerhin 2500 Leute beschäftigt, die 40 Unternehmen, die jetzt dort angesiedelt sind, geben gut 1000 Leuten Lohn und Brot.
Die Kernstadt, in der heute 15 000 Menschen leben, werde bis zum Jahre 2015 auf etwa 12 000 schrumpfen, blickt Wenzel voraus. „Dennoch herrschen in der Stadt guter Geist und optimistische Stimmung“ , meint der Bürgermeister. An der Nahtstelle zum Spreewald und dem Biosphärenreservat, mit Hafen, Gaststätten, Erholungsbad und 8000 Gästebetten habe man gute Chancen. „In der Altstadt gibt es wieder leichten Zuwachs“ , freut sich das Stadt-oberhaupt. Und auch darüber, dass im vergangenen Jahr 92 Babys in Lübbenau das Licht der Welt erblickten.