Vom Aus bedroht: In Deutschland wurden von 1995 bis 2001 rund 3700 Bibliotheken geschlossen.Da gerade dezentrale Stadtteilbüchereien stark von Kindern und Jugendlichen genutzt würden, sei diese Entwicklung wegen des schlechten deutschen Abschneidens bei der Pisa-Studie besonders bedrohlich. Kindern sei es - wie älteren Leuten - nicht ohne weiteres zuzumuten, weite Wege bis zur nächsten Bücherei in Kauf zu nehmen.

Zweigstellennetz drastisch reduziert
Der Bibliotheken-Dachverband BDB arbeitet deshalb unter dem Projektnamen "Bibliothek 2007" an einem Empfehlungspapier zur künftigen Gestaltung des deutschen Bibliothekswesens. "Insgesamt betrachtet, fehlt es in Deutschland bisher an einer vorausschauenden Bibliothekspolitik und -planung. Mangelnde Kooperation, unbefriedigender Einsatz von Ressourcen, fehlende Innovation und Flexibilität sind die Folgen", kritisiert der BDB.
Von 1995 bis 2001 ging die Zahl der öffentlichen Bibliotheken laut Bibliotheksstatistik bundesweit von rund 13000 um fast ein Drittel auf 9300 zurück. Gleichzeitig sank die Anzahl der Bücher, weil die Anschaffungsetats in vielen Städten zusammengestrichen wurden. "Dass es die Häuser vor diesem Hintergrund überhaupt geschafft haben, sich zu modernisieren und auf neue Medien wie Internet, CD-ROM und DVD einzustellen, ist beachtlich", findet Lux.
Wegen akuter Finanznot stehen auch in den Verlagsstädten München und Frankfurt am Main Bibliotheken auf der Kippe. In München droht fünf von 26, in Frankfurt sieben von 19 Stadtteilbüchereien das Aus. Die verbleibenden Zweigstellen sollen mit dem gesparten Geld gestärkt werden. Dabei hatten die Frankfurter Stadtteilbüchereien nach Angaben ihrer Leiterin Birgit Lotz 2002 elf Prozent mehr Nutzer als im Vorjahr. Inklusive Zentralbibliothek wurden 2002 fast 1,3 Millionen Besucher gezählt. Dennoch: "Unter den gegenwärtigen finanziellen Bedingungen kann die Stadt sich das engmaschige Zweigstellensystem nicht mehr leisten", sagt Frankfurts Schuldezernentin Jutta Ebeling (Grüne). Sie möchte auch die Zentralbibliothek in der Innenstadt aufgeben und stattdessen einen Neubau im Osten der Stadt hochziehen.
Längst bieten Stadtbibliotheken mehr als Bücher. "Ob Jobsuche oder welches Thema auch immer: Sie bekommen Literatur, Internetadressen und Anlaufstellen genannt. Wir beantworten Ihnen jede Frage, die bei Günther Jauch gestellt wird", beschreibt Lux den Wandel zum Dienstleister. In Berlin, wo sie Generaldirektorin der Zentral- und Landesbibliothek ist, erhalten Jugendliche sogar Rechtsberatung. "Die Bibliotheken sind immer noch - in jeder Kommune, in jeder Stadt - der Ort, wo die meisten Bürger hingehen. Vor jedem Theater, vor jeder anderen kulturellen Institution."

Finnland wie bei Pisa Spitze
Im europäischen Vergleich aber kommt Deutschland nicht gut weg. Neben Frankreich seien auch Dänemark, Schweden und vor allem Finnland, das in der Pisa-Studie besonders gut abschnitt, viel weiter: "Finnland ist ein wirkliches Bibliotheksland", schwärmt Lux, "da hat fast jeder einen Bibliotheks-Ausweis. Und die Bibliothek liegt immer mitten im Zentrum. Dahinter kann sich Deutschland nur verstecken."
Der Mangel mache sich hier vor allem bei den Schulbibliotheken bemerkbar. "Die sind rasant abgebaut worden. Gerade Frankfurt am Main war europaweit immer ein Star." Es hapere vor allem bei der Zusammenarbeit der Bibliotheken mit den Schulen. "Die Benutzung von Bibliotheken müsste viel stärker in den Unterricht integriert werden", fordert Lux. "In Amerika schreiben Schüler nichts, ohne vorher die Bibliothek konsultiert zu haben. In Deutschland sind wir längst noch nicht so weit."