Von Benjamin Lassiwe

Die Sonne strahlt durch die Glasfenster der Berliner Marienkirche am Alexanderplatz. Die Orgel spielt „Oh komm, Du Geist der Wahrheit.“ Die Kirchenbänke sind gut gefüllt, wie in den Wochen zuvor. Denn mit dem Direktor des Hildesheimer Michaelis-Klosters, Joachim Arnold, stellt sich der dritte von drei Kandidaten für die Nachfolge von Bischof Markus Dröge den Mitgliedern der Landessynode und der  Öffentlichkeit vor. Dröge geht im November aus Altersgründen in Pension – und auf der Frühjahrssynode, die am 5. und 6. April in Berlin stattfindet, wird entschieden, wer für zehn Jahre die geistliche Leitung der 900 000 Gemeindeglieder zählenden Landeskirche zwischen Prenzlau und Görlitz übernehmen soll.

Einziger Favorit war dabei lange Christian Stäblein. Der Propst der Ekbo ist seit 2015 der theologische Leiter der Kirchenverwaltung, des Konsistoriums. Doch auch er musste sich dem Bewerbungsverfahren stellen. Ein Gottesdienst zum Predigttext des Sonntags und ein Vortrag zum einheitlichen Thema „Erkennbar Kirche sein“ war von allen drei Bewerbern verlangt. Stäblein warb in Predigt und Vortrag für einen optimistischen Blick in die Zukunft der Kirche, trotz sinkender Mitgliederzahlen. Die Kirche sei keine Zähl-, sondern eine Erzählgemeinschaft. Sie sei erkennbar, wo sie sich Gehör verschaffe und mit Anderen zusammenarbeite. „Selbstbeschäftigung sollte kein Kennzeichen der Kirche sein“, sagte Stäblein. Und in der anschließenden Diskussion stellte einer der Synodalen, der frühere Bundeswehrgeneral Klaus Wittmann, eine Frage, die deutlich machte, wie populär Stäblein in der Landeskirche ist: „Verlieren wir Sie als Propst, wenn wir Sie nicht zum Bischof wählen?“ Stäbleins Antwort: Er mache sich derzeit keine Gedanken, was passiere, wenn er die Wahl verlöre.

Zwei Wochen später präsentierte sich die einzige Frau im Rennen, die Rundfunkbeauftragte der Kirche von Hessen und Nassau, Heidrun Dörken. Sie predigte darüber, wie Jesus auf dem See Genezareth den Sturm stillte, kam auf die Flüchtlingsboote im Mittelmeer zu sprechen. „Wir erfahren, wie viele im Mittelmeer kentern“, sagt Dörken. „Die ihnen zu Hilfe kommen, werden sogar behindert.“ Doch Dörken wagte es nicht, in ihrer Predigt daraus eine Konsequenz zu ziehen oder politisch zu werden.

„Die Kirche ermutigt zu politischer Verantwortung, aber sie nimmt sie niemandem ab“, sagte sie in ihrem Vortrag. Und: Die Säkularisierung sei nicht nur eine Verlustgeschichte. „Wir sind gerade dann erkennbar Kirche, wenn wir uns nicht nach Dominanzzeiten sehnen.“

Als ihre große Leidenschaft nannte sie die „Kasualien“ – Gottesdienste aus Anlass einer Taufe, Bestattung oder Eheschließung. Doch auf die Situation in der Region ging sie kaum ein. Ihre Beispiele stammten aus Hessen. Eine Frage nach der Rolle der Kirche im Strukturwandel in der Lausitz beantwortete sie damit, dass sie über den Umgang der Kirchen mit der umstrittenen „Startbahn West“ des Flughafens von Frankfurt am Main sprach. Nun also Jochen Arnold. Im Unterschied zu den beiden anderen Kandidaten hat er noch ein zweites Fach studiert: Kirchenmusik. Mehrmals unterbricht er seine Predigt, um mit der Gemeinde eine Liedstrophe anzustimmen.

Vieles ist anders als im normalen Sonntagsgottesdienst. Das von Arnold geleitete Michaelis-Kloster in Hildesheim ist das zentrale EKD-Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst: Das ist spürbar. Die Predigt freilich erinnert streckenweise an eine Bewerbungsrede. Er sei fasziniert von vielen Aufbrüchen in der EKBO, sehe aber auch die Wohnungslosigkeit in Berlin oder die Frage: „Kann man die eigene Existenz dem Klima zuliebe aufs Spiel setzen?“

Bei solchen Fragen solle sich die Kirche einbringen – denn: Das Evangelium habe „Kraft für die Gestaltung einer gerechteren Welt“, sagt Arnold. Und im Vortrag setzt er sich für eine Kirche ein, die in der Welt präsent ist und „menschenfreundliche Orte für die Anderen öffnet.“

Als die Menschen die Marienkirche verlassen, sieht man am Ausgang zahlreiche nachdenkliche Gesichter. Und im Gespräch bestätigen viele Synodale einen Eindruck: Zumindest die Wahl zwischen Stäblein und Arnold ist nach den Vorstellungsgottesdiensten schwieriger geworden, als es am Anfang schien.