Er wolle lieber in Washington an den schwierigen Beratungen über das milliardenschwere Rettungspaket für den angeschlagenen Finanzsektor teilnehmen, sagte McCain. Obamas Demokraten spotten, McCain wolle sich vor dem Auftritt drücken und eher seinen angeschlagenen Wahlkampf retten. Obama besteht auf die Debatte.

Der Schlagabtausch im Fernsehen ist mehr als nur eine Fußnote im Marathon-Wahlkampf ums Weiße Haus. Weil das Rennen so knapp ist, wird ihm große Bedeutung für die Wahlentscheidung der Bürger zugemessen. Oft entscheiden in den TV-Duellen wenige Augenblicke, welcher Eindruck sich bei den Wählern festsetzt. Ein falsches Wort, eine ungeschickte Geste können die Wahlchancen schmälern. Das Stolper-Potenzial wäre in der Debatte für McCain wohl größer als für Obama, weil er nach eigenem Eingeständnis kein Wirtschaftsexperte ist und zudem für die unpopuläre Politik seines Parteifreunds George W. Bush in Haftung genommen werden könnte.

McCain stellt seinen Vorstoß freilich als Nachweis patriotischer Verantwortung in schwerer Zeit dar. Die Initiative trägt aber Züge eines Befreiungsschlags: In den vergangenen Tagen sind seine Umfragewerte gesunken. Die Finanzkrise hat die Wähler verunsichert und den Unmut über die regierenden Republikaner wachsen lassen, der Demokrat Obama verspürt Auftrieb. McCain spielt deshalb mit hohem Einsatz. "Es gibt hier ein Risiko für ihn", sagt Politikprofessor Steven Schier vom Carleton College in Minnesota. "Es könnte sein, dass er als überhastet wahrgenommen wird, als einer, der sich einfach aus der Kurve tragen lässt und nicht mehrere Aufgaben auf einmal bewältigen kann."

Im Sommer hat McCain sich schon einmal durch einen überraschenden Zug aus einem Umfrage-Tief befreit, als er unerwartet die junge Gouverneurin Sarah Palin als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft benannte. Die Palin-Euphorie hat sich inzwischen aber verflüchtigt, für McCains jüngsten Schachzug haben die Demokraten nur Häme übrig. "Präsidenten müssen mehr als eine Sache auf einmal erledigen können", sagt Obama. Sein Senatskollege Senator Dick Durbin stichelt: "Mit seinen Umfragewerten am Tiefpunkt mag McCains Entscheidung weniger mit dem Sturz des Dow-Jones-Index zu tun haben als mit seinem Sturz in der Gallup-Umfrage." Der demokratische Mehrheitsführer Harry Reid nannte Obamas und McCains Anwesenheit bei den schwierigen Finanzberatungen im Kongress "nicht hilfreich", weil sie "den Wahlkampf in die Verhandlungen tragen würde".

Bereits tagelang hatten sich McCain und Obama auf die große Debatte vorbereitet, mit Sparringspartnern trainierten sie den Schlagabtausch. Als talentierte Debattenredner haben sich beide bislang nicht hervorgetan. Obama ist zwar der geübtere Debattierer, weil er in der langen Vorwahlschlacht gegen Hillary Clinton an rekordverdächtigen 25 TV-Debatten gegen die parteiinternen Mitbewerber teilnahm. Zur Überraschung vieler hatte Obama, der als Redner vor großem Publikum oft mitreißendes Charisma entfaltet, in den Studiodebatten aber durch lange und gewundene Antworten irritiert. McCain gilt ohnehin nicht als rhetorisches Talent, die Erwartungen an ihn sind niedriger.

Gestern unterbrachen die Kandidaten ihre Proben, um zu einem Krisentreffen mit Präsident Bush über die Finanzkrise ins Weiße Haus zu kommen. Die überparteiliche Kommission, welche die Debatte vorbereitete, hielt aber an ihrem Termin fest, auch die US-Medien gingen davon aus, dass das TV-Duell wie geplant am Freitagabend (Samstag 03.00 Uhr MESZ) auf dem Gelände der Universität von Mississippi im Städtchen Oxford stattfindet.