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Staatsanwaltschaft rückt im Plädoyer von Mordvorwurf ab

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Cottbus. Der angeklagte Tschetschene, der in Senftenberg seine Frau umbrachte, muss nur noch mit einer Verurteilung wegen Totschlags rechnen. Simone Wendler

Für Staatsanwalt Martin Mache steht am Ende der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Cottbus fest, dass alles sich so zugetragen hat, wie es in der Anklage steht. Danach versetzte der 32-jährige Rashid D. an einem Montagabend im vorigen November in der Senftenberger Wohnung der Flüchtlingsfamilie seiner Ehefrau fast 20 Messerstiche, warf sie dann aus dem Badezimmerfenster im ersten Stock, lief hinterher und schnitt ihr auf der Straße die Kehle durch.

Mit absolutem Tötungswillen sei D. dabei vorgegangen, so Mache am Mittwoch in seinem Plädoyer. Die Angaben des Angeklagten über Eifersucht als Motiv, über Vorgeschichte und Abläufe am Tagabend bezeichnet er als "eine einzige Ansammlung von Unlogik" und Lügen. Für ihn, so der Staatsanwalt, war eher Streit über den Drogenkonsum des Angeklagten der Hintergrund der Tat.

Doch genau sei das Motiv des Tötungsverbrechens auch im Prozess nicht aufzuklären gewesen, räumt Mache ein. Deshalb sei auch das Mordmerkmal der niederen Beweggründe nicht nachzuweisen. Die zwingende juristische Konsequenz: Der Ankläger beantragt, Rashid D. nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags zu verurteilen. Der Staatsanwalt fordert 14 Jahre Haft und bleibt damit nur ein Jahr unter der möglichen Höchststrafe.

Auch für Verteidiger Klaus Kleemann steht fest, dass sein Mandant wegen Totschlags verurteilt wird. Er sieht jedoch in seinem Schlussvortrag mehr strafmildernde Gründe. Deshalb sollte das Urteil, so seine Forderung, unter zehn Jahren Haft bleiben. Rashid D. hatte sich nach der Tötung seiner Frau widerstandslos festnehmen lassen und die Tat eingeräumt. Im Prozess erneuerte er dieses Geständnis.

Vor den Plädoyers von Anklage und Verteidigung hatte der psychiatrische Sachverständige Uwe Heidergott sein Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit von Rashid D. erstattet. Punkt für Punkt schilderte er ausführlich die Gespräche mit dem Angeklagten in der Untersuchungshaft, medizinische Untersuchungen, die herbeigezogenen Akten, seine Beobachtungen im Gerichtssaal.

Am Ende steht für ihn fest, dass Rashid D. voll schuldfähig ist. Er leide weder an einer psychiatrischen Erkrankung wie Wahnzuständen oder Depressionen, noch sei er im Moment der Tat "im Zustand einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung" gewesen. Für einen solchen Affektzustand, in dem ein Mensch nicht weiß was er tut, sodass seine Schuldfähigkeit vorübergehend eingeschränkt ist, sieht der Psychiater keine deutlichen Anhaltspunkte.

Rashid D. habe zum Beispiel unmittelbar nach der Tat mit verschiedenen Personen geordnet gesprochen. Keiner dieser Zeugen habe ein Verhalten des Angeklagten beobachtet, das als "Aufwachen in der Realität" interpretiert werden könnte, wie es für solche vorübergehenden Bewusstseinsstörungen typisch sei.

Auch Drogen hätten die Schuldfähigkeit des Angeklagten nicht vermindert. Abbauprodukte von Haschisch seien zwar in seinem Blut gefunden worden, so Heidergott. Doch diese Substanzen wirkten nicht mehr berauschend. Ebenfalls im Blut von Rashid D. nachgewiesenes Crystal habe eine so geringe Dosierung gehabt, dass auch das sein Bewusstsein nicht getrübt haben kann.

Am Freitag nach Pfingsten wird das Landgericht Cottbus das Urteil gegen D. verkünden.