Zwar haben die Polizeibeamten das Gelände der Tankstelle um zehn Uhr bereits verlassen. Doch der Alltag kehrt damit noch lange nicht zurück. Ein Mann tritt aus dem Verkaufsraum an die frische Luft, und er sagt: "Hier gibt es nichts zu sehen." Kategorisch fordert er jeden unerwünschten Besucher auf, wieder zu verschwinden.

Die Preisanzeige für den Liter Super verharrt bei 1,67 Euro. Aber die Tanksäulen bleiben auch acht Stunden nach der Geiselnahme gesperrt.

Das ist der Tatort.

Kurz vor Mitternacht, um 23.45 Uhr, war der 28-jährige Mann aufgetaucht. So schildert es Ralph Meier von der Pressestelle der Polizei, der sich sofort nach Spremberg begab, als er von der Geiselnahme erfuhr. "Der Täter bedrohte die 51-jährige Angestellte mit einem Küchenmesser."

Nahezu drei Stunden befand sich die Frau in der Gewalt des Mannes. Alarmierte Polizeibeamte versuchten, auf dem Tankstellengelände Kontakt zu ihm aufzunehmen - doch er zeigte sich kaum zugänglich. Um 2.30 Uhr gelang der Frau die Flucht. Dann überwältigten die Polizisten den Täter. Die Angestellte erlitt einen Schock. Sie kam zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus. Nach Angaben der Ermittler wollte der Geiselnehmer den Kontakt zu einer ehemaligen Freundin erzwingen. Die Angestellte hatte er sich wohl zufällig als Opfer ausgesucht. Während der Geiselnahme war er betrunken. Denn ein Alkoholtest um 6.30 Uhr ergab einen Wert von 1,56 Promille.

Erstaunt äußert sich der Chef vom Zentralverband des Tankstellengewerbes, Jürgen Ziegner: "Seit dem Jahr 1992 arbeite ich in diesem Job, und es ist das erste Mal, dass ich von einer Geiselnahme an einer deutschen Tankstelle höre." Denn in aller Regel handelt es sich nach seinen Worten bei Verbrechen in dieser Branche um Überfälle: 800 bis 900 dieser Straftaten registriert der Zentralverband des Tankstellengewerbes bundesweit im Jahr. "Zu Beginn der Neunziger war deren Zahl jedoch noch viel höher", sagt Jürgen Ziegner. "Inzwischen hat sich bei den Gangstern herumgesprochen, dass in den Kassen kaum noch vierstellige Eurosummen liegen."

Das Unternehmen Shell, zu dem die Spremberger Tankstelle zählt, hat außerdem ein ausgeklügeltes System entwickelt: Sobald ein Täter zur Tür hereinkommt und der Alarm ausgelöst wird, wandert das Geld in einen Tresor, an den auch die Angestellten nicht mehr herankommen - selbst wenn sie es wollen. Zum konkreten Fall in Spremberg wollen sich die Mitarbeiter der Shell-Pressestelle jedoch nicht äußern: Sie verweisen auf die laufenden Ermittlungen.

Die Berufsgenossenschaft bietet Tankstellenmitarbeitern eine psychologische Betreuung an, wenn diese einer Straftat zum Opfer gefallen sind. Grundsätzlich gilt immer die Devise: Gesundheit und Leben der Angestellten sind wichtiger als materielle Werte. Das bestätigt auch Jürgen Ziegner vom Zentralverband des Tankstellengewerbes. "Sobald ein Täter den Raum betritt und sich als solcher zu erkennen gibt, lautet die Maßgabe für die Verkäufer: Die Hände gehen nach oben." Außerdem empfiehlt die Berufsgenossenschaft den Tankstellenpächtern, einen Nachtschalter einzurichten. Das hat die Angestellte in diesem jüngsten Fall in Spremberg jedoch nicht vor dem Angriff bewahrt. Denn der Mann öffnete die Tür mit Gewalt.

Laut Paragraf 239 des Strafgesetzbuches drohen ihm nun mehr als fünf Jahre Gefängnis.

Zum Thema:
In 15 Prozent der Fälle werden die Mitarbeiter von Einzelhandelsgeschäften bei Übergriffen körperlich verletzt. Das meldet die Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution. Laut offizieller Statistik der Genossenschaft haben die Beschäftigten bei fast jedem vierten körperlichen Übergriff zur Eskalation der Gewalt beigetragen, indem sie bewusst Widerstand leisteten, um Hilfe riefen oder die Täter hinhielten. An Tankstellenpächter geht die Empfehlung der Fachleute, das gesamte Gelände nachts zu beleuchten. Dies könne oft potenzielle Täter abschrecken.