Noch zwei Tage später zeigt sich der Moderator des Abends im Spremberger Bergschlösschen schockiert. Klaus-Dieter Peters von der Bürgerinitiative "Unser Spremberg" begleitete am Freitagabend die Auszählung der Stimmen von jungen Leuten unter 18 Jahren. 32 von 95 Schülern hatten sich für die NPD entschieden. Nahezu zehn Prozent aller Stimmen der U18-Wahl für die NPD im Land Brandenburg stammen demnach aus Spremberg.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) spricht von einem "alarmierenden Signal". "Bei allen Erfolgen im Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenhass gibt es keine Entwarnung", sagte Woidke der RUNDSCHAU. Daher sehe er auch die Landesregierung "weiter in der Verantwortung". Auch Woidkes Nachfolger auf dem Stuhl des Innenministers, Ralf Holzschuher (SPD), zeigte sich schockiert. Das Ergebnis sei ein Warnsignal, das nicht unterschätzt werden darf. "Es zeigt dringenden Handlungsbedarf", so Holzschuher. Wie Woidke forderte auch er die Leute auf, kommenden Sonntag zur Wahl zu gehen. "Aktives Handeln der Zivilgesellschaft bleibe das Gebot der Stunde", so Holzschuher weiter. Laut Innenministerium gehört die rechtsextremistische Szene in Spremberg zu den aktivsten und aggressivsten im Land Brandenburg. Den harten Kern bilden 25 Personen. Obwohl die NPD in Spremberg gerade einmal über ein Dutzend Mitglieder verfügt, gehen die Organisatoren der Wahl, das Sozialpädagogische Institut (SPI), davon aus, dass es sich bei der Spremberger Abstimmung um eine gezielte Aktion gehandelt haben muss. "In Spremberg würde definitiv nicht ein Drittel der Jugendlichen die NPD wählen", sagte der SPI-Chef für Brandenburg, Stefan Zaborowski. Die Wahl wurde wie die echte Bundestagswahl frei und geheim durchgeführt - unter anderem in Jugendclubs. Die Teilnahme war freiwillig.

In keiner anderen Stadt Deutschlands entschieden sich die Schüler derart radikal, wie das vorläufige Endergebnis zeigt. "Wenn man bedenkt, dass am 25. Mai 2014 die Kommunalwahl in Brandenburg stattfindet und dort ab dem 16. Lebensjahr gewählt werden darf, so muss einem Angst und Bange werden", sagt Klaus-Dieter Peters von der Bürgerinitiative "Unser Spremberg". Insgesamt ist der Stimmenanteil rechtsextremer Parteien bei der aktuellen U18-Wahl in Brandenburg gegenüber 2009 jedoch um 2,09 Prozent gesunken. Damals konnten NPD und DVU fast acht Prozent erzielen, 2013 kommt die NPD landesweit auf 5,7 Prozent.

Im Juni hatte die Cottbuser Polizeichefin Bettina Groß vor den Spremberger Stadtverordneten über politisch motivierte Kriminalität gesprochen. "Spremberg gilt für uns als Schwerpunkt", stellte sie fest. Ihrem Besuch waren heftige Diskussionen der Stadtverordneten vorausgegangen. So erklärte CDU-Chef Hartmut Höhna im Frühjahr: "Es stimmt nicht, dass Spremberg eine braune Stadt ist. Das sieht auch die Masse der Bürger so." Eine Stadt lasse sich nicht unter Generalverdacht stellen. Bundestagskandidatin Birgit Wöllert (Linke) sagte damals, dass alle sich fragen müssten, ob man genug getan hätte, um dem rechten Spuk zu begegnen.

Bei einer SPD-Versammlung im vergangenen Herbst erklärten mehrere Parteimitglieder, sie erinnere die Atmosphäre in Spremberg an die Zeit vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 - auch wenn andere Besucher der Veranstaltung diesen Vergleich für übertrieben hielten. Jedoch wurden in der Vergangenheit auch immer wieder SPD-Mitgleider aus dem Spree-Neiße-Kreis im Internet bedroht und verunglimpft.