Reinhard Mich aus Klein Radden bei Lübbenau zieht es heute wieder hinaus auf seine Felder. Gespannt wird der Chef des Gemüsebaubetriebes Spreewald unter die dunkle Folie blicken, die über den Erdwällen liegt. Nach dem langen Winter und dem zögerlichen, kühlen Frühlingsauftakt beginnt sich der Spargel endlich zu recken. Das hat er bei den Visiten in den zurückliegenden Tagen zufrieden festgestellt. Inzwischen sind die etwa zwölf Grad Bodentemperatur in der Kinderstube der jungen Spargelstangen erreicht. „Am Montag oder Dienstag können wir mit dem Stechen beginnen“ , schätzt Mich ein. Im vergangenen Jahr hatten er und seine Spargelbauer-Kollegen etwa zehn Tage früher den „Türöffner“ für frisches Gemüse des Jahres von den Feldern der Lausitz und der Elbe-Elster-Region betätigen können.

Anbau mit Tradition
Das Edelgemüse hat bei den Michs Tradition. „Schon mein Großvater hat 1910 Spargel angebaut, geerntet, geschnitten, gewaschen, verpackt und ihn in Berlin verkauft“ , begründet der Spreewaldlandwirt, warum er trotz wachsender Konkurrenz auf 20 Hektar das „essbare Elfenbein“ , wie die weißen Stangen von Liebhabern auch genannt werden, Jahr für Jahr heranzieht. Im benachbarten Polen haben sich inzwischen viele Anbaubetriebe mit Besitzern aus Deutschland, Frankreich und Holland angesiedelt. „Die drängen mit ihren Produkten auf den Markt“ , so Mich. Der Klein Raddener setzt die Frische seines Spargels dagegen. Er verkauft die weißen Stangen mit den krausen Köpfen am Feldrand, in mobilen Verkaufsstellen an Landstraßen, an Gastronomen und örtliche Händler.
Seit gut vier Jahren arbeiten neun Gemüseproduzenten der Region in der Spargelgemeinschaft Spreewald/Lausitz zusammen. „Wir wollen den Spreewälder Spargel stärker ins Gespräch bringen und uns gegenseitig helfen“ , nennt Eckhard Kuhl, Geschäftsführer der Spargelbau GmbH Sallgast bei Finsterwalde, das wichtigste Anliegen des Zweckbündnisses. Morgen kürt die Erzeugergemeinschaft beim Frühlingsfest in Vetschau eine Spargelkönigin. Die dafür ausgewählte 20-Jährige aus Vetschau soll das „Königliche Gemüse“ aus dem Spreewald und der Niederlausitz den Kunden über lokale Grenzen hinaus schmackhaft machen. Spargel aus dem Sallgaster Betrieb ist inzwischen in großen Kaufhäusern in Berlin und Dresden im Angebot.
Die Spargelbauern der Region gehen davon aus, dass die Erträge aus den vergangenen Jahren erneut erreicht werden. „Der Winter hat dem Spargel im Freiland nicht geschadet“ , ist sich Eckhard Kuhl sicher. Seine Spuren hat der lange Frost dennoch hinterlassen. Weil die Sonne gefehlt hat, verspätete sich der Erntebeginn in den Gewächshäusern. Während die Sallgaster von den Beeten unter Glas in Cottbus und Vetschau in den Vorjahren täglich ein bis zwei Tonnen Spargel stechen konnten, so waren es diesmal bisher nur 500 Kilogramm je Tag. „Das tat weh, denn in der Vorsaison verdient man das Geld“ , gibt Kuhl zu.
Auch Uwe Schieban, Chef der Agrargenossenschaft Unterspreewald, hatte darauf gehofft, „dass der erste Spargel schon zu Ostern zu ernten gewesen wäre“ . Die Dürrenhofener sehen die Region um Lübben als ihren hauptsächlichen Absatzmarkt. „Großkunden können wir nicht beliefern. Da halten wir mit der Ernte von unseren 20 Hektar nicht mit“ , so Schieban.
Schließlich liegt mit Beelitz das größte zusammenhängende Spargelanbaugebiet Deutschlands gewissermaßen vor der Haustür. Allein 1000 der 2400 Hektar Spargelflächen Brandenburgs liegen in und um Beelitz. „Wir rechnen wie im Vorjahr mit rund 6000 Tonnen allein aus diesem Raum, vielleicht sogar etwas mehr“ , blickt der Vorsitzende des Beelitzer Spargelvereins, Dietmar Schmidt, voraus. Auch qualitativ müssten die Feinschmecker keine Abstriche machen. Noch rechtzeitig habe sich der Boden in den Apriltagen erwärmt, sodass sich die Stangen nicht durch Frostboden quälen mussten und dabei hohl geworden wären, schätzt der Beelitzer Spargelexperte ein.
2500 bis 3000 Helfer werden allein im Beelitzer Raum erwartet. Wie in den vergangenen Jahren kommen laut Schmidt die meisten Spargelstecher aus Polen. Vor allem in der Sortierung würden vermehrt deutsche Arbeitslose eingesetzt.

Körperlich schwere Arbeit
So jedenfalls ist es vorgesehen. Ob die Einheimischen kommen, ist ungewiss. Eckhard Kuhl aus Sallgast weiß aus der Vorbereitung von den Vorbehalten ein Lied zu singen. Über eine private Arbeitsvermittlung seien 50 Leute eingeladen worden, 30 zur Vorbesprechung gekommen. „Ganze drei sind geblieben, nachdem ich alles erläutert hatte“ , blickt er zurück.
Hat Kuhl den potenziellen Helfern die Arbeit unter freiem Himmel zu wenig schmackhaft gemacht? „Schmackhaft zu machen ist da nichts“ , sagt der Spargelexperte. „Ich musste ihnen schon die Wahrheit sagen.“ Und die sei hart. Früh um fünf Uhr gehe es los. Dann heißt es, laufen, bücken, stechen, Dämme abdecken, Körbe trage. Einige Kilometer Laufleistung und mehrere Kilogramm Gewicht kämen da in acht Stunden zusammen, so Kuhl. Jedermanns Geschmack sei das nicht.