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Lärmschutz für Klein Oßnig
Behörden-Schelte und gelbe Banner

In Klein Oßnig macht sich jetzt zunehmend Protest gegen eine Ortsumfahrung zur Begrenzung des Verkehrslärms breit: Weil nach Ansicht einer Gruppe von Anwohnern die vorgesehene Umfahrungsvariante den Lärm nur vom Hoftor in den Garten verlagern würde.
In Klein Oßnig macht sich jetzt zunehmend Protest gegen eine Ortsumfahrung zur Begrenzung des Verkehrslärms breit: Weil nach Ansicht einer Gruppe von Anwohnern die vorgesehene Umfahrungsvariante den Lärm nur vom Hoftor in den Garten verlagern würde. FOTO: Ch. Taubert / Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Verwaltungsrechtlerin rügt unzureichenden Lärmschutz für Anrainer in Klein Oßnig. Protest gegen Variante der West-Ortsumfahrung. Von Christian Taubert

Christina Preschel ist Verwaltungsrechtlerin. Die Professorin lehrt seit 2010 an der Technischen Hochschule in Wildau. Für die RUNDSCHAU hat sie sich mit dem Thema Lärmschutz an der Bundesstraße 169 und den Entscheidungen des Cottbuser Verwaltungsgerichtes dazu beschäftigt. Anlass war der jüngste Entwurf des Bescheides, mit dem der Spree-Neiße-Kreis auf den Widerspruch einer Klägerin aus Klein Oßnig reagierte.

Die Expertin, die schon diverse Rechtsgutachten im Verkehrs- und Umweltbereich verfasst hat, zeigt sich nach der Durchsicht der Unterlagen verwundert: „Dieser zweite Bescheid listet alle Argumente gegen die Interessen der Einwohner auf“. Es werde ein Blitzer in Aussicht gestellt, der in der Ortsdurchfahrt Tempo 30 kontrollieren soll. Den Anforderungen an verkehrsbeschränkende Maßnahmen zur Lärmminderung werde die Behörde damit aber nicht gerecht.

Auch ist für Prof. Preschel das Angebot zum Einbau von Lärmschutzfenstern – was die Klägerin bereits abgelehnt hatte/d.Red. – als passive innerhäusliche Schutzmaßnahme „ein verkürzter Ansatz, der das Problem nicht löst“. Der Kreis werde nicht umhinkommen, über präventive Maßnahmen zu entscheiden. Doch im Entwurf des neuen Bescheides macht die Behörde deutlich, dass Durchfahrtsverbote für Lkw lediglich eine Verlagerung des Verkehrs auf andere Straßen zur Folge hätten – einhergehend mit Belastungen für die dortigen Anwohner.

Soll das bedeuten, die Anlieger an der B 169 müssen die deutlich über den gesetzlichen Vorschriften liegenden Lärmbelastungen hinnehmen – bis es nach einem bisher abschätzbaren Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt eine Ortsumfahrung geben könnte? Christina Preschel ist da anderer Auffassung: Wenn mit Tempo 30 keine Reduzierung der Lärmbelastung zu erreichen sei, „dann muss der Verkehr umgeleitet werden“. Und sie fügt hinzu, dass bereits das Cottbuser Verwaltungsgericht auf die Autobahnen A 15 und A 13 verwiesen habe.

Aus Sicht der Interessengemeinschaft B 169, die Anrainer-Anliegen auch in Neupetershain, Lindchen und Allmosen vertritt, wäre es ein deutlicher Schritt hin zur Lärmminderung, wenn Lkw-Durchgangsverkehr auf die Autobahnen verbannt werden würde. Immerhin passieren täglich rund 1000 Laster diese vier Ortschaften. Vor allem Brummis im Transitverkehr meiden dabei den Umweg über das Spreewald-Dreieck zwischen den beiden Autobahnen. Die Abkürzung über die B 169 macht 30,7 Kilometer aus. Und es wäre für die IG 169 eine Zwischenlösung, bis die Ortsumfahrung an den Start geht.

Während der Landkreis diese Lösung ausschließt, obwohl andere Bundesländer den Durchgangsverkehr auf Autobahnen leiten (siehe Infobox), kann selbst der Klein Oßniger Gastwirt Rainer Dürre mit einem Fahrverbot für den Transit-Durchgangsverkehr leben. „Diese Lkw machen den meisten Lärm“, sagt Dürre. Natürlich solle Quell- und Zielverkehr weiter auf der Bundesstraße bleiben. Dürre gehört aber auch zur Gruppe von Gegnern der bisher vorgesehenen Variante einer Ortsumfahrung westlich von Klein Oßnig.

Seit der Sendung aus der Reihe „radioeins und RUNDSCHAU Spezial“ Mitte Juli in der Gaststätte „Schön Oßnig“ hängen im Ort gelbe Banner mit der Aufschrift „Die B 169 muss hier bleiben“ und „B 169 = Pulsader der Lausitz“. Die Forderungen, denen im Ort auch ein Schild „Schwerlastverkehr auf die BAB 13/15 und Lärm macht krank“ (von der IG B 169) gegenübersteht, werden nach Ansicht der Initiatoren zum Teil missverstanden. „Wir sind gegen eine Ortsumfahrung, weil in Klein Oßnig und Klein Gaglow eine Lärmverlagerung vom Hoftor in den Garten droht“, sagt Matthias Krokor.

Der Anwohner und Caravan-Fachhändler ist nach Einsicht in die mögliche Streckenführung der Ortsumfahrung im Bundesverkehrswegeplan sicher, dass nach der Variante der Westumfahrung von Klein Oßnig „mehr Anwohner von Lärmbelastung betroffen sein werden als heute“. Das treffe auch bei Ostumfahrung zu, sagt Kroker. Deshalb hat er schon Anfang 2016 beim Bundesverkehrsministerium Einspruch gegen diese Ortsumfahrung eingelegt. „Lärm für veranschlagte 13 Millionen Euro zu verlagern, ist Unsinn“, erklärt Krokor und fügt hinzu, dass die gelben Banner entstanden sind, nachdem Brandenburgs Verkehrsministerin Kathrin Schneider (SPD) Mitte Juli angekündigt hatte, dass die Planungen für die Ortsumfahrung jetzt mit Hochdruck vorangetrieben werden.

Von einer Westvariante, die den Lärm aufgrund der vorherrschenden Windrichtung West stets in den Ort tragen würde, geht IG-Vorsitzender Gerhard Düring unterdessen nicht aus. Im Planfeststellungsverfahren mit Umweltverträglichkeitsprüfung „muss die optimale  Linie für die Ortsumfahrung gefunden werden“, betont Düring. Und im Unterschied zur jetzigen B 169, auf der der Schwerlastverkehr im Laufe der Jahre unerträglich  zugenommen habe, werden Anwohner oder Umweltverbände im Planungsprozess mitentscheiden können.

Was mit der Verlagerung des Lärms konkret gemeint ist, verdeutlicht im Namen auch anderer Häuslebauer der Klein Gaglower Markus Nenninger. „Wir haben bewusst unser Grundstück in der dritten Reihe mit Blick aufs Feld ausgewählt, auch wenn es dort teurer war“, schildert er. Im Bebauungsplan sei von einer Ortsumfahrung, die an seinem Garten vorbeiführen könnte, nichts zu sehen. Und jetzt soll alles ganz anders kommen? „Wenn die Ortsumfahrung an unseren Garten gelegt wird, dann ziehen wir weg“, ist sich seine Familie sicher. „Und wir werden nicht  die Einzigen sein. Dann gehen in Klein Gaglow die Lichter aus.“