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| 18:33 Uhr

"Sprachprobleme sind größte Integrationshürde"

Jobbörsen, wie hier in Berlin, reichen allein nicht aus, um Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Mangelnde Qualifikationen und unzureichende Sprachkenntnisse sind hohe Hürden.
Jobbörsen, wie hier in Berlin, reichen allein nicht aus, um Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit zu bringen. Mangelnde Qualifikationen und unzureichende Sprachkenntnisse sind hohe Hürden. FOTO: ZB
Cottbus. Seit Januar beschäftigt die IHK Cottbus einen Integrationsbeauftragten für Flüchtlinge. Der Bedarf der Firmen an Unterstützung ist groß. Simone Wendler / sim

Sebastian Kappa ist zufrieden mit seinem ersten Job nach dem Studium. "Diese Arbeit entspricht genau meinem Master-Abschluss", sagt der 27-jährige Lausitzer. Der befasste sich mit dem "Management des sozialen Wandels". Kappa ist seit sechs Monaten Beauftragter der Industrie- und Handelskammer (IHK) Cottbus für die Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung. "Und das ist ein sozialer Wandel, was hier bewältigt werden muss", schätzt der Sozialwissenschaftler ein.

Der größte Teil von Kappas Arbeit besteht in der Beratung von Betrieben. Welcher Flüchtling darf wie beschäftigt werden? Was ist bei der Einstellung als Mitarbeiter oder Praktikant zu beachten? Eine Vielzahl der dafür geltenden Vorschriften sei den Unternehmen kaum bekannt, weil sie bisher nicht damit konfrontiert wurden, sagt Kappa. Meist geht er auf die Firmen zu.

Dass Unternehmen sich selbst bei ihm melden, geschehe oft dann, wenn es Probleme gibt. So wie bei einem Gaststättenbetrieb, der einen Albaner zum Koch ausbilden möchte. Zehn Jahre lang hatte die Firma vergeblich nach einem Lehrling gesucht. Der junge Albaner, der als Hilfskraft von sich überzeugt hat, ist jedoch nur geduldet. Ohne Zustimmung der Ausländerbehörde darf er keine Ausbildung beginnen. Da er schon 2015 nach Deutschland kam, besteht dafür jedoch die Möglichkeit mit einer Einzelfallentscheidung, erklärt der IHK-Integrationsbeauftrage: "Ich spreche jetzt mit der Behörde, um eine Lösung zu finden." Der Betrieb habe dafür weder die Zeit noch die Kraft.

Neben der Beratung und Unterstützung von Unternehmen wie in diesem Fall widmet sich Kappa der "Netzwerkarbeit". Er nimmt an den wöchentlichen Beratungen der im April eingerichteten "Flüchtlings-Integrations-Agentur" teil. Das ist ein Gremium von Arbeitsagentur Cottbus, IHK und Handwerkskammer. Denn inzwischen ist deutlich geworden, dass die Arbeitsintegration von Flüchtlingen schwieriger wird als anfangs vermutet.

Da ist zum einen die Qualifikation. Von rund 3800 bei Arbeitsagentur und Jobcenter Cottbus erfassten Flüchtlingen mit Arbeitserlaubnis haben nur knapp 350 ein Hoch- oder Fachschulstudium und knapp 1000 einen Berufsabschluss aus ihrem Heimatland. Zwei Drittel sind Ungelernte. "Die Abschlüsse entsprechen jedoch oft auch nicht unseren Anforderungen, da müssen noch Abstufungen gemacht werden", sagt Kappa.

Ein ebenso großes Problem ist offenbar der Erwerb der deutschen Sprache. Das sei bisher von vielen unterschätzt worden, so Kappa. Der Abschluss, der in den Deutschkursen gemacht werde, reiche in der Regel nicht für einen Ausbildungsstart und für viele Jobs. Die Hürde sei weniger die mündliche Verständigung, sondern das schriftliche Deutsch: "In der Logistikbranche müssen sie zum Beispiel Frachtpapiere lesen und schreiben können."

Bei den wöchentlichen Treffen der Arbeitsagentur Cottbus mit den Kammern wird deshalb planvoll vorgegangen. Die Jobcenter wählen vorher Flüchtlinge aus, die sprachlich und von der Vorbildung gute Voraussetzungen mitbringen. Gemeinsam wird dann nach einem passenden Weg für diese Bewerber in Beschäftigung gesucht. In Kürze soll ein solches Gremium auch im Landkreis Dahme-Spreewald regelmäßig zusammenkommen.

"Die Flüchtlinge, die es jetzt schon schaffen, das sind die sprachbegabten Pfiffigen, die es überall schaffen würden", fasst Sebastian Kappa die ersten sechs Monate Erfahrung als Integrationsbeauftragter der IHK Cottbus zusammen. Für viele andere werde es ein weiter Weg ins Arbeitsleben.

Neben der Arbeit mit Firmen und Arbeitsagentur geht Sebastian Kappa regelmäßig in Oberstufenklassen, um junge Flüchtlinge auf den deutschen Ausbildungsmarkt vorzubereiten. Mehrere Hundert werden voraussichtlich demnächst in der Region ihren Hauptschulabschluss machen.

Die IHK Cottbus bringt deshalb demnächst eine Broschüre heraus, die Orientierung gibt bei der Berufswahl und dem Weg zum Ausbildungsplatz bis hin zum Bewerbungen schreiben. Das Material sei bewusst in Deutsch mit einfachen Sätzen formuliert, so Kappa.

Im November wird die IHK Cottbus entscheiden, ob seine zunächst für ein Jahr befristete Stelle verlängert wird. Die Aussichten dafür scheinen gut zu sein. "Die ersten sechs Monate haben gezeigt, dass Bedarf dafür da ist", sagt IHK-Sprecher Nils Ohl. Die Kammer versuche auch mit der Schaffung dieser Stelle geeignete Strukturen aufzubauen, um die wichtigsten Fragen der Arbeitsintegration anzugehen.

Die Cottbuser IHK ist damit nicht allein. Auch die IHK Dresden hat eine ähnliche Stelle im Herbst 2016 eingerichtet. "Willkommenslotsin" heißt die Mitarbeiterin, die sich dort um Fragen der Ausbildung und Qualifikation von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund kümmert. Anders als Sebastian Kappa geht sie jedoch nicht beratend auf Firmen zu.

Inzwischen hat die "Willkommenslotsin" zehn Ausbildungsverträge und ein Dutzend Praktika oder Einstiegsqualifikationen vermittelt.

Die IHK Cottbus beschäftigt sich nach Auskunft von Sprecher Niels Ohl inzwischen mit einer neuen Frage, um Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Demnächst soll es Beratungsangebote für Existenzgründer mit Migrationshintergrund geben.

Zum Thema:
Im Bereich der Arbeitsagentur Cottbus konnten bisher 204 Flüchtlinge in reguläre Arbeitsverhältnisse vermittelt werden. 22 begannen eine Ausbildung. Fast 1500 absolvieren noch Integrationskurse oder sind dafür angemeldet. Fast 70 Prozent der Betreuten sind unter 25 Jahre alt, Fast die Hälfte der im Amtsbezirk betreuten Flüchtlinge lebt in der Stadt Cottbus.Im Arbeitsamtsbezirk Bautzen befindet sich die überwiegende Zahl der Flüchtlinge ebenfalls in Integrations- und Sprachkursen oder Praktika. Im Herbst 2016 waren fast 200 Menschen aus den zugangsstärksten nichteuropäischen Herkunftsländern versicherungspflichtig beschäftigt. Von Januar 2016 bis März 2017 wurden 760 Fördermaßnahmen bewilligt.Beide Agenturen bestätigen, dass unzureichende Sprachkenntnisse und fehlende Qualifikationen die größten Probleme darstellten. Die Mehrzahl habe keinen Schul- oder Berufsabschluss, der mit deutschen Qualifikationen vergleichbar ist. Deshalb reichten eine einzelne Fördermaßnahme und der Grundkurs Deutsch in der Regel nicht aus, um jemanden zu vermitteln.Eingliederungszuschüsse und ausbildungsbegleitende Hilfen sollen die Integration unterstützen. Unter den Arbeitsuchenden und Arbeitslosen in der Region insgesamt ist der Flüchtlingsanteil mit etwa drei Prozent jedoch sehr niedrig. sim