„Dobry zen.“ Antje Kell-Scharnagel begrüßt ihren Leistungskurs der 13. Klasse am Niedersorbischen Gymnasium Cottbus. Neun Jungen und Mädchen, die seit mindestens sieben Jahren die selten gewordene slawische Sprache erlernt haben. Warum dieser Aufwand„ Sind sie alle Sorben“
Nur ein junger Mann hebt bei dieser Frage die Hand. Ja, er sei Sorbe, sagt er, und er wolle nach dem Abitur Geschichte und Sorabistik studieren, um später selbst unterrichten zu können. Andere erzählen von sorbischen Großeltern, von russischen oder bulgarischen Familien, die den Zugang zum Sorbischen erleichtern. Die Abiturientin Jasmin Selleng versucht zu erklären, was das Besondere an Sprache, Kultur und Brauchtum ist. „Manchmal wird man schräg angeguckt, wenn man sagt, auf welche Schule man geht. Ich komme aus Jänschwalde, da ist es doch blöd, wenn man nicht mal ein paar Lieder mitsingen kann.“ Das Sorbische sei für sie mehr als nur eine Sprache. „Es hat etwas mit Heimat zu tun, mit Zusammengehörigkeit. Ein Zuhause-Gefühl eben.“

2000 Kinder lernen Sorbisch
So wie Jasmin lernen derzeit über 2000 Kinder in der Niederlausitz und ebenso viele Kinder in der Oberlausitz die bedrohte Sprache. Seit acht Jahren werden in vielen Kindergärten Witaj-Projekte gefördert: Gleichzeitig mit ihrer Muttersprache lernen die Kleinsten den Wortschatz des Sorbischen, gleichsam durch ein Eintauchen in die für sie noch fremde Sprache. „Diese Art des bilingualen Unterrichts nennt man Immersion“ , erklärt Ludmilla Budar, Leiterin des Sorbischen Schulvereins. „Wir haben uns angeschaut, wie die Bretonen in Frankreich nach dieser Methode ihre Sprache erhalten und haben ihr Modell auf unsere Verhältnisse übertragen.“ Mit Erfolg.
Kindergärten, die Witaj anbieten, sind begehrt. Ludmilla Budar: „Eltern bekommen eine erstklassige Zusatz-Bildung zum Nulltarif. Wir praktizieren die vollständige Immersion - in allen Gruppen, auf dem Spielplatz und beim Essen wird sorbisch gesprochen. Dazu gibt es Witaj-Gruppen, die die teilweise Immersion anbieten. Unterricht im Sorbischen, Umgangssprache ist aber Deutsch.“
Mittlerweile könne man von einer echten Revitalisierung der Sprache sprechen: „Bei den Schülern zwischen erster und sechster Klasse werden 35 Prozent des Unterrichts bilingual abgehalten. Das ist für uns ein toller Erfolg.“ Die Attraktivität sorbischer Schulen und Kindergärten auch für rein deutsche Kinder erklärt sie so: „Bessere Bildungs- und Berufschancen, allgemeine Förderung des logischen Denkens, Einbindung in die Region und das starke Zusammengehörigkeitsgefühl.“

Verbundenheit als Markenzeichen
Ähnliche Erfahrungen macht auch Werner Müller, Schulleiter des Niedersorbischen Gymnasiums. Er selbst hat die 1952 gegründete Schule als Junge besucht und registriert auch heute wieder das starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Schüler. „Damals wie heute gilt diese Verbundenheit als unser Markenzeichen. Die Jungs und Mädchen bringen sich überdurchschnittlich ein. Organisieren unser jährliches Herbstkonzert und viele Feste, kümmern sich um Neuankömmlinge oder Besucher bei den Tagen der offenen Tür.“ Derzeit lernen 661 Schüler aus Cottbus und Umgebung am Gymnasium.
Gerade jetzt ist die Lehrerin Marina Eggert dabei, eine vorweihnachtliche Projektwoche in der gesamten Schule zu koordinieren. „Die Kinder präsentieren dabei ihre Arbeiten. Aber nicht voreinander, sondern vor Lehrern, Schülern und Eltern aller vierten und sechsten Klassen der Region.“ 630 Anmeldungen hat Marina Eggert für die diesjährigen Veranstaltungen, vom Mitmach-Theater über Sportdarbietungen bis hin zu Chemie-Experimenten.
Die Schüler der 13. Klassen werden - trotz laufender Abiturvorbereitungen - die Eltern beim Gang durch die Schule begleiten. Weil auch ihr Stolz auf die eigene Schule und die eigene Sprache zu den Besonderheiten gehört, die den Reiz des Sorbischen ausmachen.