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| 02:39 Uhr

Sportstadt Riesa sucht nach neuer Strahlkraft

Lange trug Riesa den Namen Sportstadt und bot hochkarätige Wettkämpfe. Im Jahr 2002 gab hier sogar Boxlegende Muhammad Ali (r.) Autogramme an seine Fans. Anlass war die Deutschlandpremiere seines autobiografischen Films "Ali" in der Elbestadt.
Lange trug Riesa den Namen Sportstadt und bot hochkarätige Wettkämpfe. Im Jahr 2002 gab hier sogar Boxlegende Muhammad Ali (r.) Autogramme an seine Fans. Anlass war die Deutschlandpremiere seines autobiografischen Films "Ali" in der Elbestadt. FOTO: dpa
Riesa. Riesa liegt an der Elbe, aber auch irgendwie fernab. Nach Stahl- und Sportstadt, in der einst Boxlegende Ali Gast war, steht erneut ein Wandel an. Welches Image passt? Martin Kloth

Das glamouröseste Ereignis der jüngeren Stadtgeschichte hat Marco Müller verpasst. Als Box-Legende Muhammad Ali vor beinahe 15 Jahren mit seiner Zwei-Tages-Visite den Blick der Welt in die sächsische Provinz lenkte, war Riesa auf dem vorläufigen Höhepunkt als Sportstadt - und der heutige Oberbürgermeister noch zur Ausbildung in Chemnitz. Unter seiner Führung nun entledigt sich Riesa seines bisherigen Labels - wenngleich aus Geldmangel auch ein bisschen notgedrungen, wie der CDU-Politiker gesteht.

Kommt man von Leipzig oder Chemnitz aus nach Riesa, gibt es nur einen Weg: Wie 2002 der im Vorjahr verstorbene Ali schlängelt man sich über die Bundesstraße B 169 und hat das Gefühl, ins sächsische Niemandsland zu kommen. "Riesa liegt nicht in der Pampa. Wir liegen im Herzen von Sachsen", sagt Müller trotzig.

Was für Autofahrer eine vorübergehende Nervenprobe ist, ist für Riesa ein beständiges Ärgernis. Mit Nachdruck fordert das Stadtoberhaupt wie schon seine Vorgänger den dringend erforderlichen Ausbau. "Die B 169 hat nach wie vor eine ganz immense Bedeutung für den Standort Riesa, dass die Stadt nicht abgehängt wird." Von der einst geplanten Autobahn A 16 von Leipzig nach Cottbus mit einem Anschluss Riesa ist schon seit Langem keine Rede mehr.

Einst Stahlstadt, dann Sportstadt - und was kommt nun? Riesa ist auf der Suche nach einem neuen Image. Seit gut zwei Jahren ist Müller das Stadtoberhaupt. Der 41-jährige Jurist forciert einen erneuten Wandel, der schon mit dem Abschied der DHB-Pokal-Endrunde der Frauen 2010 eingesetzt hatte. In Zeiten knapper Kassen kann sich Riesa Sport von Weltrang nicht mehr leisten.

Vorbei ist die Zeit, als sich Box-Promoter mit WM- und EM-Kämpfen die Klinke in die Hand gaben. Weder Handball noch Volleyball gastieren in der Stadt, von großem Fußball ganz zu schweigen. Eine Kurzbahn-EM der Schwimmer wie 1996 ist nicht denkbar. Weltklasse-Bob oder -Schwimmen sind passé. Dass Riesa unter seinem damaligen Stadtoberhaupt Wolfram Köhler in der Leipziger Bewerbung für Olympia 2012 eine Rolle spielte, ist nur noch ein kleiner Aspekt der Stadtgeschichte.

"Die Zuschüsse sind nicht mehr in der Höhe da, wie sie einmal geflossen sind - auch zu der Zeit, als es noch um die Olympia-Bewerbung von Leipzig ging. Da waren ganz andere Fördermittel da", sagt Müller. Noch immer sei Riesa für ihn eine Sportstadt - nur hießen die Schwerpunkte nun Breiten- und Nachwuchssport. Und natürlich Nischensport.

Der rekrutiert sich aus der nicht-olympischen Riege: Indoor Tractor-Pulling, Super Enduro Indoor WM, Cheerleading und nicht zuletzt schon traditionell die Stepptanz-WM. Neu im Portfolio ist in diesem Jahr Darts mit den International Open.

Man müsse Veranstaltungen nach Riesa holen, die sich rechnen, sagt der Oberbürgermeister. "Wir kämpfen darum, dass Riesa auch überregional nicht nur durch die Industrie, die wir hier haben, sondern auch durch kulturelle Highlights weiter Strahlkraft erlangt."

Verantwortlich dafür, diese Vorgaben umzusetzen, ist die stadteigene Förder- und Verwaltungsgesellschaft (FVG) Riesa mbH. Die muss mit fast halbierten Zuschüssen auskommen. Statt zwei Millionen Euro stehen nur noch 1,1 Millionen Euro zu Verfügung, von denen nur rund 200 000 für die Sachsenarena aufgewendet werden. Dennoch verzeichnete die riesige Halle mit 180 145 Besuchern einen Jahresrekord. Neben dem Nischensport sind Konzerte und Shows die Zugpferde gewesen.

310 000 Menschen kamen insgesamt zu Veranstaltungen in der Arena, der Stadthalle Stern, dem Tierpark oder der Bibliothek und dem Stadtmuseum. "Wir haben einen Sprung nach vorn gemacht", sagt Geschäftsführerin Kathleen Kießling.

Nach Stadtangaben aber sind die Übernachtungszahlen rückläufig: Mehr als 43 000 waren es im Jahr 2015, im vorigen Jahr fast 5000 weniger. Tagestouristen wie Radwanderer entlang der Elbe oder Reisegruppen zum Teigwaren-Nudelcenter seien nicht darin enthalten.

Riesa hat sich in vielerlei Hinsicht stabilisiert. Die Einwohnerzahl ist seit 2014 konstant bei etwa 31 500. Die Geburtenrate ist zuletzt angestiegen: 2016 kamen in der Stadt 231 Kinder zur Welt. 2015 und 2016 sind mehr Menschen nach Riesa gezogen als weggezogen. Dazu haben auch die zur Zeit 550 Asylbewerber beigetragen.

Der positive Trend am Arbeitsmarkt schlägt sich auch in Riesa nieder. Laut Statistik-Service der Bundesagentur für Arbeit gab es mit Stichtag 31. Dezember 1707 Arbeitslose in der Stadt, was einer Quote von 10,9 Prozent entspricht. Niedriger war es 25 Jahre lang nicht. "Das hat sich sehr gut entwickelt", sagt Müller.

Stahl-, Reifen-, Elektronik- und Nahrungsmittelproduktion sowie das Elblandklinikum und nicht zuletzt der ausgebaute Elbhafen sind die wirtschaftlichen Schwergewichte der Stadt. Müller preist die Trimodalität der Infrastruktur aus Wasserstraße, Bahn und Straße an. Aber erst mit dem Ausbau der B 169 bis zur A 14 würden sich die Voraussetzungen weiter verbessern. Laut Bundesverkehrswegeplan 2030 hat die Trasse vordringlichen Bedarf.

"Nichtsdestotrotz sind wir aus meiner Sicht nicht nur im Landkreis, sondern in ganz Sachsen einer der wesentlichen Wirtschaftsstandorte mit ganz starker Industrie", sagt Müller. Allerdings: Das frühere Mischfutterwerk verfällt seit der Insolvenz der Mutter Muskator (Düsseldorf). In der Fußgängerzone hoffen die Einzelhändler auf Belebung.

An der Autobahn ist der Wandel schon sichtbar. Die touristische Werbetafel an der A 14 weist nicht mehr auf die "Sportstadt Riesa" hin, sondern auf "Riesa an der Elbe". Der Schilderwechsel aber ist unfreiwillig. Laut Müller war das alte durch einen Unfall beschädigt worden und musste ausgewechselt werden. Da aber in Sachsen nicht mehr an zwei Autobahnen die gleiche Tafel prangen darf, was im Jahr 2000 noch möglich war, musste eine neue her. An der A 13 wird weiter für die Sportstadt geworben.

Oberbürger-meister Marco Müller: Riesa liegt im Herzen Sachsens.
Oberbürger-meister Marco Müller: Riesa liegt im Herzen Sachsens. FOTO: dpa
Immer mehr zu einem Besuchermagneten entwickelt sich die Sachsenarena. Neben dem Nischensportarten sind Konzerte und große Shows Zugpferde.
Immer mehr zu einem Besuchermagneten entwickelt sich die Sachsenarena. Neben dem Nischensportarten sind Konzerte und große Shows Zugpferde. FOTO: Fotodesign Falko Müller