Sein BWL-Studium liegt erst mal auf Eis, zum Fahrradfahren bis zur Trainingsanlage ist er zu faul, und abends zieht sich der junge Mann mit den vier Namen gern mal eine Netflix-Serie rein. Doch im Sport kennt der Ehrgeiz des Überfliegers keine Grenzen.
Limits setzt sich Bo Kanda Lita Baehre nicht. Im Gegenteil. „Ich will einmal der beste Stabhochspringer der Welt werden, der Beste aller Zeiten. Auf jeden Fall. Ich bin da so überzeugt von, das ist auf jeden Fall mein Ziel“, sagte der 21-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Ich werde erst mit meiner Karriere zufrieden sein, wenn das der Fall gewesen sein wird.“
Der Sohn eines Vaters aus dem Kongo und einer deutschen Mutter hat schon früh sein Riesentalent angedeutet, seit fünf Jahren trainiert der Leichtathlet von Bayer Leverkusen bei Christine Adams. Mit 21 hat Lita Baehre schon drei deutsche Meistertitel gewonnen, er könnte der nächste deutsche Athlet im Sechs-Meter-Club werden.
Doch der WM-Vierte bleibt auf dem Boden, nur bei Wettkämpfen hebt er ab. Aber sechs Meter? „Diese Höhe war nie das Ziel, mit dem ich in einen Wettkampf reingegangen bin. Damit limitiert man sich - und ich möchte mich nicht mit dieser Höhe limitieren. Ich möchte höher springen!“, sagt der Stabartist mit den coolen Dreadlocks und Tattoos. „Das ist eher ein Zwischenziel als die Endstation.“
Am 27. August hätte Bo (skandinavisch) Kanda (kongolesisch) Lita Baehre im Pariser Stadion Charlety zur Qualifikation antreten müssen, um 19.10 Uhr. Doch wie Olympia wurden auch die Europameisterschaften auf 2021 verschoben. „Donnerstagabend? Da werde ich nach einem normalen Trainingstag zu Hause sein - und auf Netflix 'ne Serie gucken“, verrät der Youngster.
Erst vor gut einer Woche hat Lita (Name seines kongolesischen Großvaters) Baehre (Name seiner Mutter) seine persönliche Bestleistung bei den #TrueAthletes Classics an seinem Trainingsort gleich zwei Mal höher geschraubt: erst auf 5,76, dann auf 5,81 Meter. „Ich bin nicht traurig, dass es keine EM gibt“, versicherte der gebürtige Düsseldorfer - und dankte dem DLV: „Es hat mich umso mehr gefreut, dass wir noch so ein Highlight wie die deutschen Meisterschaften in Braunschweig hatten.“
Dort holte er sich nach 2017 und 2018 seinen dritten Freiluft-Titel ab. In Doha wurde er 2019 WM-Vierter, und das mit 20. Aber der Beste der Besten? „Er ist ja erst 21 - da geht noch viel Wasser den Rhein runter“, sagte Trainerin Adams der dpa. „Aber das Talent, die Einstellung und die Fähigkeiten bringt er mit.“
Schon seit fünf Jahren bilden Adams und Lita Baehre ein erfolgreiches Duo, mit einer Bestleistung von 4,92 Metern kam der Teenager einst zu ihr. Ziel Nummer eins sei es von Anfang an gewesen, „ihn gesund zu halten und so vorzubereiten, dass er sich zehn Jahre in der Weltspitze halten kann“, erklärte die ehemalige Athletin und muss lachen: „Als Bo mit 16 zu mir kam, war seine Technik mangelhaft, Note 5 - jetzt ist er schon bei 2+“, sagte Adams, und ihr Schützling stimmte zu: „Die Technik kann man vor allem im Stabhochsprung immer verbessern - praktisch ein Leben lang.“
Marc Osenberg, der die Szene seit Jahren kennt und unter anderen Ex-Weltmeister Raphael Holzdeppe managt, weist vor allem auf die Kontinuität in der Karriere von Lita Baehre hin. „Bei Bo ging es nicht gleich ab wie eine Rakete, obwohl er auch schon in jungen Jahren sehr gut war. Im Fokus stand bei ihm und seiner Trainerin Christine Adams immer die kontinuierliche Entwicklung“, sagte der 51-Jährige der dpa. „Bo sollte nicht verheizt werden und unbedingt ganz viele Wettkämpfe machen. Er ist jetzt 21 und könnte der nächste deutsche Sechs-Meter-Springer werden“, meinte Osenberg.
Von seiner Wohnung bis zur Leverkusener Trainingsanlage hat es Lita Baehre gar nicht weit - doch er nimmt immer das Auto. „Ich bin zu faul, mit dem Fahrrad zu fahren“, gibt der Modellathlet zu.
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