Wenn ein Rekord 14 610 Tage lang steht wie ein Fels in der Brandung und allen Stürmen standhält, dann muss es großer Sport gewesen sein. Für Thomas Wessinghage dauerte die Sternstunde der Leichtathletik damals nur 3:31,58 Minuten.
Und 40 Jahre nach diesem traumhaften Sommerabend im Koblenzer Stadion Oberwerth steht die 1500-Meter-Marke vom 27. August 1980 immer noch - als bis dato ältester DLV-Männerrekord auf einer olympischen Laufdistanz.
Keine vier Wochen nach den Boykott-Spielen in Moskau rannte der junge Mediziner gegen den Frust im Bauch und mit Feuer in den Beinen. Steve Ovett musste da schon seinen eigenen Weltrekord auf 3:31,36 Minuten verbessern, um den schnellen Deutschen im Schlussspurt noch knapp zu bezwingen. Sogar Wessinghage blieb im tobenden Stadion noch unter der alten Topzeit der britischen Olympiasieger Ovett und Sebastian Coe (3:32,1 Minuten).
„Selbstverständlich erinnere ich mich, ich könnte den ganzen Tag noch relativ genau schildern“, sagte der 68-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. „Was mir da am häufigsten einfällt: dass wir zwischen 800 und 1000 Meter Zeit liegen gelassen haben. Die Absprache mit Ovett war, er sollte eigentlich die Spitze übernehmen - und ich komme dann bei 1000. Er nahm auch die Spitze, zauderte aber dann“, schilderte Wessinghage. „Da war ein bisschen Sand im Getriebe für 200 Meter.“ Ergo: Es hätte durchaus noch etwas flotter gehen können.
„Ich habe auf der großen Uhr im Innenraum gleich gesehen, dass es Weltrekord ist. Dann bin ich zu Ovett gelaufen und hab' es ihm gesagt. Und in dem Moment hat er es auch realisiert“, sagte Wessinghage. „Und ich wusste auch, dass es deutscher Rekord war. In diesem Moment ist man nicht erschöpft, sondern schwebt wie auf einer Wolke.“ Noch heute ist der gebürtige Hagener mit seiner Rekordzeit die Nummer 94 der „ewigen“ Weltrangliste.
Willi Wülbeck war dabei, als an dem lauen Spätsommerabend in Koblenz um 20.23 Uhr die Post abging. Auch der heute 65-Jährige erinnert sich noch gut an den damals schnellsten 1500-Meter-Lauf der Leichtathletik. „Meine Güte - was für ein Rennen! Ein Paukenschlag!“, sagte Wülbeck der dpa. Hinter dem Mainzer Wessinghage und Harald Hudak (Leverkusen/3:31,96) landete der Wattenscheider in 3:33,74 Minuten auf dem vierten Platz.
Erst ganz kurz vor dem Rennen habe er erfahren, dass ein Weltrekordlauf geplant ist, verriet Wülbeck. „Das hat Steve Ovett ja dann auch geschafft. Thomas Wessinghage hatte den Ehrgeiz und auch den Biss, in diesem Rennen seine Chance zu nutzen, eine erstklassige Zeit zu laufen“, meinte er. Für ihn waren die 1500 Meter „ja eher eine Nebenstrecke, aber der Student Wülbeck hat sich gesagt: Willi, du holst dir die 1000 D-Mark ab...“
Auch Wülbeck hält noch zwei deutsche Rekorde, die schon Patina angesetzt haben: Auf seiner Spezialstrecke 800 Meter rannte er im August 1983 in Helsinki 1:43,65 Minuten; sogar noch älter als Wessinghages Marke sind Wülbecks 2:14,53 Minuten vom 1. Juli 1980 in Oslo - allerdings auf den nicht-olympischen 1000 Metern.
Zwischen 1972 und 1986 hatte Wessinghage 67 internationale Einsätze für den Deutschen Leichtathletik-Verband - auch das ist Rekord. Er war 1982 Europameister über 5000 Meter, eine Olympia-Medaille blieb ihm bei den Teilnahmen 1972 in München und 1976 in Montreal versagt. 1980 in Moskau, als er schon für die 5000 Meter qualifiziert war, kam der Boykott, 1984 bremste ihn ein Fußbruch. Am 1. Oktober geht der Ärztliche Direktor und Chefarzt dreier Kliniken in Bad Wiessee am Tegernsee in den Ruhestand - nach 42 Jahren als Arzt.
Nur einmal wackelte im neuen Jahrhundert sein Uralt-Rekord: Der aus Äthiopien stammende Homiyu Tesfaye rannte die 1500 Meter am 5. Juni 2014 in Rom in 3:31,98 Minuten - aber vier Zehntel sind vier Zehntel. Und Rekordmann Wessinghage bleibt Rekordmann Wessinghage.
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