Ich liebe sie. Sie hat mir die Windeln gewechselt und mich zu einem mal mehr, mal weniger erwachsenen Mann erzogen. Doch jedes Nationenturnier stellt die Beziehung zu meiner Mutter auf die Probe. Denn Madame vermag alle zwei Jahre einen schon bemerkenswerten Antipatriotismus zu entwickeln. Wann auch immer die deutsche Elf spielt – meine Mama jubelt mit dem Gegner. Zum WM-Finale 2002 gegen Brasilien entwendete sie sogar ein Rivaldo-Trikot aus meinem Schrank und trug es fröhlich zur Schau, während der Sohnemann nach Kahns Fehlgriff mit den Tränen kämpfte.

Es muss wohl mit den Locken von Maldini und Venedig zu tun haben

Doch als wäre das nicht schon betrüblich genug, drückt diese Frau unabhängig von ihrer Vaterlandsallergie auch noch einem deutschen Erzfeind die Daumen: den Italienern. Es muss wohl mit den schönen Locken vom ewigen Maldini zu tun haben, mit ein paar Venedig-Urlauben und der zackigen Nationalhymne.
Zugegebenermaßen habe ich es zwar auch immer geliebt, den virtuosen Andrea Pirlo erhaben über den Rasen schweben zu sehen. Trotzdem ist mein Verhältnis zu den Azurblauen standesgemäß kompliziert – und damit auch das zu meiner Mutter. Vor allem wenn Deutschland vor den theatralischen Stiefelkickern ausscheidet. Aber gut. Ein bisschen Spaß im EM-Sommer hat sich Mama wohl verdient, denn auf Vereinsebene hatte sie kein leichtes Fußballjahr. Sie ist Werder-Bremen-Fan.