Es war der letzte Kampf seiner Karriere. Und: Ausnahme-Ringer Frank Stäbler, 32, aus Musberg bei Stuttgart hat am Ende mit letzter Kraft doch noch seinen sportlichen Lebenstraum erfüllt. Der dreimalige Weltmeister gewann in Tokio am Mittwoch eines der kleinen Finals der Gewichtsklasse bis 67 Kilogramm und holte mit Bronze seine ersehnte erste Olympia-Medaille. Das 5:4 über den Georgier Ramas Soidse war das würdige Ende seiner beeindruckenden Laufbahn.
Stäbler zog symbolisch noch auf der Matte seine Ringerschuhe aus und verneigte sich vor den anderen Athleten, Betreuern und Helfern in der Halle, die ihm lange applaudierten. „Atemberaubend“, stammelte der überwältigte Musterathlet danach. „Der Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich habe es mit den allerletzten Kräften nach Hause gebracht. Diese Bronzemedaille ist wie eine Goldmedaille für mich.“

Stäblers Teamkollege holt ebenfalls Bronze

Auch Stäblers Teamkollege Denis Kudla gewann wenig später sein kleines Finale in der Gewichtsklasse bis 87 Kilogramm und holte damit zum zweiten Mal nach 2016 Olympia-Bronze. Der 26-Jährige aus Schifferstadt bezwang den Ägypter Mohamed Metwally per Schultersieg. Nach Gold durch Aline Rotter-Focken (bis 76 kg) waren es bereits die Medaillen zwei und drei für den Deutschen Ringer-Bund (DRB) in Tokio. Natürlich hätte Stäbler im letzten Turnier gerne Gold gewonnen, war im Viertelfinale am Dienstag aber knapp an Mohammad Reza Geraei gescheitert. Da der Iraner danach das Finale erreichte, durfte der 32-Jährige in der Hoffnungsrunde nochmal ran. „Die Anspannung war natürlich enorm“, sagte Griechisch-römisch-Bundestrainer Michael Carl über die Stunden des Bangens vor den Halbfinals am Dienstagabend.
In der Hoffnung, am Mittwoch doch nochmal in den Kampf um die Medaillen eingreifen zu dürfen, hatte Stäbler direkt nach seiner Rückkehr ins olympische Dorf wieder damit begonnen, sein Gewicht zu reduzieren. Normal wiegt er rund 75 Kilogramm, in Tokio durfte er bei der morgendlichen Kontrolle aber jeweils nur 67 Kilogramm auf die Waage bringen. Es ist eine wochenlange Tortur, die der Schwabe für seine internationalen Auftritte immer wieder auf sich nimmt. Und die ihn diesmal noch mehr Kraft kostete als in früheren Jahren.
„Riesig“ war laut Trainer Carl die Erleichterung im deutschen Lager, als Geraei dann tatsächlich den Endkampf erreichte und Stäbler dadurch noch in die Hoffnungsrunde hievte. In der besiegte der Schwabe zunächst den Kolumbianer Julian Stiven Horta Acevedo. Dann bannte er mit dem Sieg über Soidse endlich seinen Olympia-Fluch.
Jahrelang hatte Stäbler eine Medaille beim größten Sportevent der Welt gejagt – zweimal verpasste er sie unglücklich. 2012 in London verlor er seinen Bronze-Kampf gegen den Georgier Manuchar Tschadaia und wurde Fünfter. 2016 in Rio de Janeiro schied er gehandicapt von einer Fußverletzung im Viertelfinale aus und verlor anschließend auch in der Hoffnungsrunde. Nun in Tokio drohte er erneut leer auszugehen.

Schwere Zeit nach Corona

Die Vorbereitung auf seine große Abschiedsvorstellung war auch alles andere als optimal verlaufen. Schon seit längerer Zeit kämpft Stäbler mit den Folgen einer Schultereckgelenksprengung. Zudem infizierte er sich vergangenen Herbst mit dem Coronavirus. Seitdem setzt er auf eine spezielle Atemtherapie. In der Summe war die Verlegung der Spiele um ein Jahr für den Ausnahmeathleten ganz sicher ein Nachteil.
Trotz seiner vielen Erfolge fühlte sich Stäbler vor dem Event in Japan in gewisser Weise unvollendet. Die olympische Medaille sei „das letzte Mosaiksteinchen, das noch fehlt“, hatte er gesagt. Jetzt hat er es. Der langjährige Vorzeigeringer, der seine Sportart hierzulande geprägt hat wie kaum ein anderer, verlässt die Matte als Triumphator.

Jubel auf der Tribüne

Edelfan Aline Rotter-Focken, die Olympiasiegerin aus Triberg, kam dieses Mal auf der Tribüne gar nicht mehr aus dem Jubeln heraus – auf den Ringermatten von Tokio wurden die deutschen Erwartungen weit übertroffen. "Der Ritt endet hier. Ich bin so stolz, dieses Gefühl wird mich den Rest meines Lebens erfüllen", sagte Frank Stäbler, als Rotter-Focken, mit der er unter anderem Trainingseinheiten absolviert hatte, ihm später in den Katakomben der Halle in die Arme fiel.