Stolz und sichtlich erschöpft ließ sich Florian Wellbrock, 23, nach seiner olympischen Machtdemonstration Richtung Interview-Zone im Odaiba Marine Park fahren. Aus einem überdimensionierten Golfcart heraus zeigte der Olympia-Champion im Freiwasserschwimmen die Siegerfaust, nach dem Aussteigen wurde er von seinen Teamkollegen in die Arme geschlossen. Im Zehn-Kilometer-Rennen bestimmte der Doppel-Weltmeister vom Start an eindrucksvoll das Geschehen und schwamm zum ersten Olympia-Gold für den Deutschen Schwimm-Verband seit 33 Jahren.
„Für mich persönlich ist das, glaub ich, mein Sommermärchen“, sagte Wellbrock. „Ich bin begeistert“, sagte Bundestrainer Bernd Berkhahn. Sein Schützling in Magdeburg hatte nach 1:48:33,7 Stunden mit über 25 Sekunden Vorsprung vor dem Ungarn Kristof Rasovszky und dem Italiener Gregorio Paltrinieri angeschlagen. „Florian war auf einem anderen Planeten“, sagte Paltrinieri voller Respekt vor Wellbrocks Leistung. Wellbrocks Teamkollege Rob Muffels, immerhin WM-Dritter, kam abgeschlagen als Elfter ins Ziel.

Dritte Medaille für deutsche Schwimmer in Tokio

Für die deutschen Schwimmer war es nach Bronze für Wellbrock und dessen Verlobte Sarah Köhler im Becken über 1500 Meter Freistil die dritte Medaille von Tokio. Erfolgreicher waren die Schwimmer zuletzt 2008 in Peking, als sich Britta Steffen zur Doppel-Olympiasiegerin krönte und Rekordweltmeister Thomas Lurz im Freiwasser Bronze gewann. Damals gab es insgesamt fünf Medaillen für den DSV. „Ich wusste: Es ist das letzte Rennen. Deswegen habe ich einfach nochmal alles reingeworfen und wurde mit Gold belohnt. Das fühlt sich unglaublich gut an“, sagte Wellbrock glücklich. Lurz hatte 2012 in London mit Silber die bis dato letzte olympische Freiwasser-Medaille für Deutschland geholt. „Ein absolut gigantisches Rennen. Außergewöhnlich stark, außergewöhnlich schnell“, sagte er als Eurosport-Experte. Daheim freute sich auch „Albatros“ Michael Groß, der 1988 in Seoul das zuvor letzte DSV-Gold geholt hatte: „Es ist extrem wichtig, dass das deutsche Schwimmen aus dem Tal der Tränen wieder rausgekommen ist.“
Wellbrock setzte gleich nach dem Start bei schon 29,2 Grad Wassertemperatur in der Tokyo Bay ein Zeichen. Er machte in seinem ersten olympischen Freiwasserrennen sofort Druck und erarbeitete sich schnell einen Vorsprung. „Ich bin in der ersten Runde um die erste Boje rum und habe gedacht: Jungs, wollt ihr keinen Wettkampf?“, sagte Wellbrock. „Ich glaube, viele waren von der hohen Wassertemperatur recht eingeschüchtert.“ Coach Berkhahn, der sich einen ruhigen Start von Wellbrock gewünscht hatte, sagte: „Er konnte praktisch nicht langsamer schwimmen.“ Zwar kamen die Konkurrenten zwischenzeitlich noch einmal heran, doch Wellbrock war an diesem Tag einfach zu stark.
Er ließ sich vom Trubel um seine Person als größter DSV-Hoffnungsträger schon vor Olympia nicht aus dem Konzept bringen. Der gebürtige Bremer, der in Magdeburg bei Berkhahn trainiert, präsentierte sich in den Tagen von Tokio hochkonzentriert und steckte auch den ärgerlichen vierten Platz in seinem ersten Finale weg. Über 800 m fehlten 35 Hundertstel zu Bronze.

Große Anerkennung

Auch Weltrekordler Paul Biedermann gratulierte Florian Wellbrock: „Er hat Historisches geschafft mit dem ersten Olympiasieg im Freiwasser für Deutschland. Eine Medaille im Becken und im Freiwasser zu gewinnen, ist eine ganz eigene Liga und spricht für das Ausnahmetalent Florian Wellbrock“, sagte der 34-jährige Hallenser.