Ihr Lieblingsstück ist eins der kleinsten der 95 000 Objekte des Leipziger Sportmuseums. Vorsichtig nimmt Museumsleiterin Gerlinde Rohr eine zehn Zentimeter hohe Bronzefigur aus einem der Stahlschränke. Was sich darin verbirgt, bekommt außer ihr schon lange niemand mehr zu sehen: Seit 25 Jahren lagert die Sammlung im Keller, ein fester Ausstellungsort ist nicht in Sicht.

Die Exponate sind in säurefreies Papier gewickelt und in Kartons verpackt. Ohne Handschuhe wird nichts berührt. Die Bronzefigur eines Mädchens mit einem Ball in der Hand stiftete 1995 der Sportfunktionär Willi Daume. "Man hat fast Angst, sie zu zerbrechen", sagt Rohr. Wie Daume überließen auch viele namhafte Athleten dem Leipziger Museum Sportgeräte, Kostüme und Pokale. In der Sammlung finden sich zum Beispiel Weitsprungschuhe von Heike Drechsler sowie die Wettkampfanzüge von Schwimmerin Franziska van Almsick und Eisschnellläuferin Gunda Niemann-Stirnemann. Katarina Witt schenkte dem Museum eines ihrer Kleider. Die meisten Objekte sind jedoch Leihgaben. Rohr will die Sammlung aber nicht auf große Namen reduzieren. "Uns geht es um den historischen Wert der Stücke, nicht nur um die Spitzensportler." Spannend sei für sie die Entwicklung der Geräte und Standards.

DDR-Geschichte ein Schwerpunkt Im Keller am Sportforum stapeln sich Ruderboote, Langlaufskier, Turnbarren und Hochsprungstäbe bis unter die Decke - Stücke aus über 150 Jahren Sportgeschichte. Einer der Schwerpunkte ist der DDR-Sport. Früher hatte das Museum einen Platz im Leipziger Zentralstadion. Heute können die Sammlung und die Bibliothek nur dienstags nach Voranmeldung genutzt werden. Viele der Objekte sind aber in einer Online-Datenbank einsehbar.

Neben Rohr hat noch Wolfgang Metz ein Büro im Keller. Er ist mittlerweile der einzige Mitarbeiter. Eine Praktikantin arbeitet in den Semesterferien das Foto-Archiv auf. Die Kapazitäten sind sehr begrenzt. Früher habe man sich zum Beispiel gern an Sportangeboten für Kinder beteiligt. Das sei heute einfach nicht mehr möglich, bedauert Rohr.

Bereits 2007 beschloss der Leipziger Stadtrat ein Papier, in dem die Nordtribüne des alten Schwimmstadions als neuer Ort für das Sportmuseum festgelegt wurde. Bis heute ist daraus nichts geworden, Fördergelder wurden nicht bewilligt. Sehr zum Ärger des Fördervereins des Museums. Im letzten Vereinsheft ist von Ungeduld und Frustration zu lesen. Trotzdem wolle man das Museum nicht aufgeben, heißt es.

Den Beschluss zu verwerfen, wäre nur konsequent, meint hingegen Ansbert Maciejewski, Geschäftsführer der CDU-Stadtratsfraktion. "Wenn eine Verwaltung einen Beschluss nicht umsetzen kann, muss sie ihn aufheben." Am Schwimmstadion festzuhalten, sei nicht zwingend, räumt die Stadtverwaltung ein. Es mangele aber an Alternativen. Frischen Wind erhofft sich Maciejewski von einem neuen Kulturbürgermeister. Gewählt wird am 20. April. Personal der Verwaltung will Volker Rodekamp nicht für den Stillstand verantwortlich machen. Der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, dem das Sportmuseum angegliedert ist, sieht die Sammlung an der schwierigen Schnittstelle zwischen Kultur und Sport. "Wir bewegen uns da zwischen zwei Welten." Während der Kulturbereich den Sport nur zögerlich akzeptiert, würde man seitens des Sports Geld und Engagement lieber in Vereine, Stadien und Nachwuchsförderung stecken.

Leid ist Rodekamp das Thema Sportmuseum trotzdem nicht. Auch ohne festen Ort plant er, zumindest einen Teil der Sammlung auszustellen. Gerade suche man Räume in der Innenstadt. Dort soll ein "Showroom" entstehen. "Ich stelle mir kein normales Museum vor, sondern einen interaktiven Raum. Eine offene Bühne, die aktuelle Diskurse aufgreift und diskutiert", erklärt Rodekamp. Ein Museum zum Mitmachen, ganz wie beim Sport selbst. Sport sei hoch politisch. Viele gesellschaftliche Themen und Probleme könne man daran aufzeigen, ob nun Korruption oder Inklusion.

Schaufenster an Alter Börse

Vergleichbare Sportmuseen gibt es laut Rodekamp in Deutschland sonst nur in Köln und Berlin. Ideal wäre für ihn eine gemeinsame Stiftung der drei. Eine Initiative dafür gab es bereits im Rahmen der Leipziger Olympia-Bewerbung 2012. Nach dem Ausscheiden der Stadt sei auch das Projekt nicht weiterverfolgt worden.

Derzeit gestaltet das Netzwerk concept4sport gemeinsam mit dem Förderverein ein Schaufenster an der Alten Handelsbörse in Leipzig. Spätestens im Mai solle es eröffnet werden, sagt Geschäftsführer Karsten Tornow. Neben den Olympiasiegern vergangener Jahrzehnte soll darin auch das Leipziger Team für die diesjährigen Olympischen Spiele im August in Brasilien vorgestellt werden.

Tornow liegt sehr am Herzen, dass Leipzig endlich ein richtiges Sportmuseum bekommt. Erst jüngst habe er das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund besucht, wo Stücke aus der Leipziger Sammlung ausgestellt sind. "Ein hochmodernes und interaktives Museum. Sowas brauchen wir unbedingt auch in Leipzig."