Von Frank Noack

Zumindest für die Fans ist es das Spiel der Spiele: Die Lausitzer Füchse reisen am Freitag zum Sachsenderby in der DEL2 zu den Eislöwen Dresden ­(20 Uhr). Das Verhältnis der Anhänger beider Clubs ist von sportlicher ­Rivalität bis hin zu Abneigung geprägt.

Auf dem Eis sieht es ganz anders aus. Schaut man sich die ­beiden Teams an, dann fällt auf: Im Kader der Eislöwen Dresden stehen in dieser Saison mehr Weißwasseraner als bei den Lausitzer Füchsen. Torhüter Florian Proske, Verteidiger Steven Hanusch und Stürmer Toni Ritter haben im Fuchsbau mit dem Eis­hockey begonnen. Über verschiedene Clubs ist das Trio jetzt in Dresden gelandet. Die jungen Verteidiger Arne Uplegger und Tim Heyter wechselten dagegen vor drei Jahren auf direktem Weg in die sächsische Landeshauptstadt.

„Die Abgänge von solchen Talenten sind schmerzhaft“, erklärt ­Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach. Mit dem jungen Keeper Nick Jordan Vieregge ging im Sommer ein weiteres Talent von Weißwasser nach Dresden. „Wir müssen anerkennen, dass uns Dresden vor sechs, sieben Jahren sportlich überholt und entsprechende Strukturen im Nachwuchs aufgebaut hat“, betont Rohrbach.

Neben dem Standortnachteil ist der Einklang von Schule und Leistungssport ein wichtiger Faktor für die Talente. Auch hier hat Dresden Vorteile, räumt Rohrbach ein: „Unsere jungen Spieler kommen in der Nacht von einem Auswärts­spiel zurück und müssen am Morgen pünktlich in der Schule sein. Es wird keinerlei Rücksicht auf den Leistungssport genommen. Das sorgt für eine gewisse Unzufriedenheit bei Schülern und Eltern. Zumal andere Standorte wie eben Dresden in diesem Punkt schon weiter sind.“

Auch in sportlicher Hinsicht hat Weißwasser in der vergangenen ­Saison empfindliche Rückschläge hinnehmen müssen. Die U20 verpasste den Klassenerhalt in der ­Division II (zweithöchste Spielklasse), die U17 stieg aus der Division I (höchste Klasse) ab. Viele Spieler schauten sich deshalb anderweitig um – zum Beispiel in Dresden.

In diesen wichtigen Jahrgängen kurz vor dem Übergang in den Männerbereich spielen die Eislöwen Dresden mittlerweile eine Klasse höher als die Lausitzer Füchse. „Unabhängig davon, dass wir Spieler ansprechen, fragen immer mehr aus Weißwasser an, ob sie bei uns spielen dürfen“, erklärt Eislöwen-Geschäftsführer Maik Walsdorf gegenüber der „Sächsischen Zeitung“.

Auch in Sachen Trainings­bedingungen ist Weißwasser mit nur einer Eisfläche ins Hinter­treffen geraten. Diese eine Trainingsfläche müssen sich der Profi- und Nachwuchsbereich mit dem Amateur- und Freizeitsport teilen. Zum Vergleich: In Dresden stehen zwei Eisflächen sowie die benachbarte Eisschnelllaufbahn zur Verfügung. Eine dritte Eisfläche ist in Planung.

Deshalb kämpfen sowohl Rohrbach als auch Bernhard Stefan als Vorsitzender des Stammvereins ES Weißwasser schon seit längerer Zeit intensiv für die Stärkung des Traditionsstandortes. Denn sie müssen konstatieren: Weiß­wasser war in puncto Nachwuchsförderung einmal spitze – ist es aber nicht mehr. Sie fordern deshalb im Zuge des Struktur­wandels unter anderem ein mit staatlichen Mitteln gefördertes Eishockey-Leistungszentrum in Weißwasser.

Ein solches Leistungszentrum mit Internat und einer Sporthalle für das Athletik-Training ist aus Sicht von Rohrbach sogar zwingend notwendig. „Denn wir wollen am leistungsorientierten Nachwuchs-Eishockey festhalten“, versichert der Geschäftsführer. Knapp eine ­halbe Million Euro werden pro Jahr in den Nachwuchs ­investiert.

Bereits vor einigen Monaten ­hatte Rohrbach angekündigt: „Kommt das Leistungszentrum  nicht, ­müssten wir in absehbarer Zeit unsere ­Satzung ändern und uns vom ­leistungsorientierten Nachwuchs-Eishockey verabschieden.“

Schon jetzt kommen nur noch wenige Eigengewächse in der Profimannschaft an. Weil die größten Talente bereits vorher die Lausitz verlassen haben. Im aktuellen DEL2-Team stehen mit Philip Kuschel und Luis Rentsch lediglich zwei Spieler, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen. Dass die Füchse trotzdem mit 23,55 Jahren das jüngste Team der Liga sind, ist eher der Kooperation mit den Eisbären Berlin geschuldet, ohne die es Weißwasser noch deutlich schwerer ­hätte, in der zweithöchsten Spielklasse zu bestehen. Dem Vernehmen nach steht Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) dem Vorschlag für ein Leistungszentrum aufgeschlossen gegenüber. Mit der Staatskanzlei gab es bereits zwei Gespräche, weitere werden ­folgen. „Wir sind dran an dem Thema, aber es ist ein langer Prozess“, erklärt Rohrbach.

Es sind also auch andere, schnelle ­Lösungen notwendig, damit der personelle Aderlass im Nachwuchs zumindest eingedämmt wird.  Ein Ansatz ist der Spieleraustausch zwischen beiden Vereinen mit dem Ziel, dass die Talente zumindest in Sachsen gehalten werden. „Wenn die jungen Spieler nach Mannheim oder Köln wechseln, also die Region verlassen haben, ist es ganz schwer, sie wieder zurückzu­holen“, gibt Rohrbach zu bedenken. Angesichts der Rivalität zwischen Weißwasser und Dresden ist dieser Austausch ein bemerkenswerter Ansatz – zumindest auf den ersten Blick. „Beide Clubs haben erkannt, dass wir uns gegenseitig unterstützen müssen“, beschreibt Rohrbach die Strategie.

Auch bei den Eislöwen Dresden steht man dem offen gegenüber. Geschäftsführer Maik Walsdorf schlägt eine Art sächsische Kooperation vor, die auch Crimmitschau einschließt. Er kann sich ein Delegierungs­prinzip vorstellen, auf dem schon der Leistungssport in der DDR ­basierte: Die besten Spieler einer Region werden zentral gefördert. „Die Emotionalität spielt natürlich eine große Rolle, aber für die Entwicklung der Eishockey-Standorte wäre es gut, ein Stück weit zu den Strukturen zurückzufinden, die es hier schon mal gab“, findet Walsdorf.

Ist Dresden also im Nachwuchsbereich künftig so etwas wie der  große Bruder von Weißwasser? „Brüderschaft würde ich es nicht nennen. Es ist eher eine Zweck­gemeinschaft. Denn letztlich will ja jeder Verein seine eigenen Ziele erreichen“, meint Füchse-Geschäftsführer Dirk Rohrbach. „Aber dabei können wir uns zumindest in bestimmten Punkten unterstützen.“