Von Steven Wiesner

Im altehrwürdigen Wellblechpalast zu Berlin hängt ein kleines Plakat. Die mittlerweile verstorbene, niederländische Fußball-Legende Johan Cruyff wird darauf sinngemäß zitiert: „Manche Trainer interessieren sich hauptsächlich für den eigenen Erfolg und ihre Reputation. Mein Interesse galt stets dem Verein. Wenn ein talentierter Spieler nicht verteidigen konnte, habe ich ihn in die Abwehr gesteckt, damit er es lernt, was uns einiges an Punkte gekostet hat. Aber ich habe mich nicht um die Punkte gesorgt, denn ich war damit beschäftigt, den Spieler weiterzuentwickeln.“

Eine Aussage, die auch von Corey Neilson hätte stammen können. Vor einem Jahr war der Kanadier ja neu zu den Lausitzer Füchsen gekommen und hatte bei seiner Ankunft gleich sein eigenes Credo mit vier neuen Regeln mitgebracht, die die Spieler gefälligst zu befolgen hatten. Insofern dürfte sich der strenge und prinzipientreue Füchse-Trainer dieser Tage durchaus wohlfühlen in der fremden Trainigsstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Der Eishockey-Zweitligist aus Weißwasser absolviert seit Montag ein Kurztrainingslager in der Hauptstadt.

Im legendären „Welli“, der bis 2008 die Spielstätte der Eisbären Berlin und somit auch Zeuge der ersten drei DEL-Meisterschaften (2005, 2006 und 2008) war, legen die Lausitzer Füchse nun also die Grundlagen für die bevorstehende Saison in der DEL2. Wo die Eisbären-Kapitäne vor mehr als zehn Jahren im Konfettiregen die DEL-Trophäe ihren Fans entgegenstreckten, studiert Corey Neilson nun Spielzüge und Varianten mit seinen Jungs ein. Noch immer weht hier ein gewisses Meister-Aroma vergangener Tage durch die Halle. Womöglich können die Füchse auch ein bisschen was davon aufsaugen. Denn die Rekordsaison 2018/19 mit phänomenalen 92 Hauptrunden-Punkten und einem bitteren Viertelfinal-K.o. in den Playoffs hat nur Lust gemacht auf mehr. Auch Geschäftsführer Dirk Rohrbach hatte kürzlich erklärt: „Mit diesem ­Kader muss unser Anspruch erneut mindestens Rang sechs sein.“

Co-Trainer Chris Straube sieht die Füchse sogar besser aufgestellt als in der Vorsaison. „Stand jetzt verspricht die neue Mannschaft, besser zu sein als die alte. Es steckt sehr viel Qualität und Potenzial in diesem Team“, sagt Straube. Vor allem die neuen Stürmer Darcy Murphy (Kanada), Mike Hammond und Robert Farmer (beide Großbritannien) imponieren dem früheren Nationalspieler und Deutschen Meister Chris Straube: „Sie haben gute Hände, sind technisch so gut. Murphy ist eine Torgarantie. Ich glaube, wir dürfen einiges von ihnen erwarten.“

Doch bevor die neuen Füchse für Jubelschreie im Fuchsbau sorgen, wird hart trainiert in der Vorbereitung. Zum Beispiel bei so mancher Krafteinheit und einem Laktattest, der diese Woche in Berlin stattgefunden hat. „Leider haben wir nicht so viel Zeit auf dem Eis, wie wir gerne hätten“, sagt Straube aber. Denn die Füchse müssen sich den Wellblechpalast natürlich mit den Nachwuchsteams der Eisbären teilen. „Ich hoffe, dass wir dann nächste Woche wieder bei uns trainieren können“, sagt Straube und scherzt: „Hoffentlich geht es mit unserer neuen Kühlanlage schneller als mit dem Berliner Flughafen.“ Die neue Anlage in der Wee-Arena wurde nicht rechtzeitig zum Trainingsauftakt fertig, deswegen wichen die Füchse überhaupt erst zum Kooperationspartner nach Berlin aus.

Dieser Umstand gab allerdings auch Sören Langenickel die Möglichkeit, mal beim Training zu spionieren. Der Füchse-Fan aus Herzberg lebt seit Jahren in Berlin und war am Mittwochabend einer von einer Handvoll Trainingskiebitzen im „Welli“. „Die Gelegenheit musste ich einfach nutzen, wenn die Füchse schon mal bei mir um die Ecke trainieren“, sagte der 30-Jährige. „Ich hoffe, es wird ein erfolgreiches Jahr und wir kommen in den Playoffs noch ein bisschen weiter. Das wäre ein absolutes Highlight.“ Nach dem Training erfüllte er sich noch einen Fotowunsch mit Corey Neilson: „Er ist ein cooler Typ, seine Arbeit spricht für sich.“

Bis Freitag wird Neilson seine Füchse noch über das Eis im Wellblechpalast scheuchen. Am Abend ist ein Spiel mit den Eisbären und gemischten Teams geplant, danach geht es zurück nach Weißwasser. Und dort folgt dann am Sonntag (16 Uhr) die traditionelle Saisoneröffnung gegen die Eisbären. Vor einem Jahr gab es dabei eine 1:4-Niederlage. Aber das bloße Ergebnis dürfte Corey Neilson fast egal sein. Denn es geht am Ende um weit mehr – frei nach Johan Cruyff.