Von Jan Lehmann

„Puh, ich bin wirklich glücklich über diese Goldmedaille! Sie bedeute mir sehr viel.“ Nein, der dreifache Reck-Weltmeister Epke Zonderland aus den Niederlanden meinte damit nicht seine WM-Plakette vom Sieg im Aspire Dome in Doha (Katar) vor drei Wochen – sondern seinen Sieg am Sonntagabend in der Cottbuser Lausitz-Arena. Mit einer wahrlich weltmeisterlichen Darbietung am Königsgerät krönte der fliegende Holländer vor etwa  2000 Zuschauern den Turn-Weltcup und erklärte: „Als Olympia-Qualifikation ist das Turnier noch wichtiger geworden. Die drei besten Resultate zählen, da ist es sehr gut mit einer Goldmedaille zu starten.“ Lesen Sie hierzu Epke Zonderland im Interview: „Cottbus ist ein großartiges Turnier.“

Zonderland wischte sich fröhlich den Schweiß von der Stirn und gab sich als Star zum Anfassen. Von Turnierdirektor Mirko Wohlfahrt bekam er einen kleinen Babystrampler für seinen im Oktober geboren Sohn Bert – eine der vielen kleinen Gesten, die der Cottbuser Traditionsveranstaltung weltweit so einen guten Ruf bescheren.

Nun sollten Wohlfahrt und seine Mitstreiter aber darüber nachdenken, den Wettbewerb umzubenennen – in „Turnier der Weltmeister“. Schließlich erlebte das Publikum in der prallgefüllten Lausitz-Arena an nahezu allen Geräten Weltklasse-Darbietungen. Sylvio Kroll, ehemaliger Cottbuser Reck-Weltmeister, nickte anerkennend: „Das war sehr stark. Die Sportler haben so kurz nach der WM noch richtig Druck und sind extrem leistungsfähig.“

Wie groß der Druck war, erlebten die deutschen Turner, die ohne Medaille blieben. Die größten Hoffnungen auf deutsches Edelmetall platzten, als Lukas Dauser am Sonntag am Barren verturnte. Dort siegte Olympiasieger Oleg Verniaev, während Dauser frustriert erklärte: „Ich habe es versaut, wie bei der WM. Das ist eine ganz bittere Pille, wenn man überlegt, dass es ohne den Absteiger für ganz vorne gereicht hätte.“

Ansonsten sind die Deutschen an den Einzelgeräten ein Stück von der Weltspitze entfernt. Bundestrainer Andreas Hirsch betonte: „Cottbus hat ein völlig neues Level erreicht. Wir haben hier immer Spitzenleistungen gehabt, aber nicht in dieser Dichte. Es ist durchaus denkbar, dass wir zukünftige Olympiasieger gesehen haben.“

Für Cottbuser Jubel sorgte derweil der Ukrainer Igor Radivilov. Der Gaststarter des SC Cottbus in der Deutschen Turnliga gewann am Sprung und sagte: „Es macht mich sehr glücklich, hier vor diesem Publikum zu gewinnen. Cottbus ist meine zweite Heimatstadt.“

Am Samstag hatte Nina Derwael aus Belgien am Stufenbarren für weltmeisterlichen Glanz gesorgt. Ihre Übung war eine Augenweide, sie setzte sich unter anderem gegen die beiden Ex-Weltmeisterinnen Daria Spiridonova (Russland) und Fan Yilin (China) durch. Die Stuttgarterin Kim Bui wurde Siebte und erklärte: „Das war ein superstarkes Barrenfinale, ich bin stolz, dass ich mich dort behaupten konnte.“ Sie fand: „Einige Finals waren WM-würdig.“ Ähnlich beurteilte Felix Remuta (Unterhaching) seinen vierten Platz am Boden: „Zu den Medaillen ist noch ein Stück Abstand, hier wurden einfach Hammerleistungen angeboten. Ich bin froh, dass ich einigermaßen mithalten konnte.“

Die Leistungen waren tatsächlich so hochwertig, dass auch die Cottbuser Abonnementssiegerin Oksana Chusovitina aus Usbekistan dieses Mal ohne Medaille blieb. Die 43-Jährige wurde am Sprung nur Vierte. Dort gewann die Brasilianerin Rebeca Andrade, die auch noch Gold am Schwebebalken sowie Silber am Stufenbarren holte. Bei der 19-Jährigen oder ihren brasilianischen Teamkollegin Flavia Saraiva, die als Boden-Siegerin für Begeisterung sorgte und am Balken Zweite wurde, benötigt man gar nicht viel Fantasie, sie sich als kommende Weltmeisterinnen vorzustellen.

Und damit würde das 43. Turnier der Meister auch wieder seinem Ruf gerecht werden. Denn seit Jahren gilt: Cottbus ist das Turnier, bei dem die Weltmeister gemacht werden. Epke Zonderland ist das beste Beispiel dafür: 2010 hatte der Niederländer zum ersten Mal in Cottbus gewonnen und danach drei WM-Titel sowie Olympiagold am Reck geholt. Alle, die seine überragende Reck-Übung am Sonntag in Cottbus gesehen haben, ahnen wohl: Das wird wohl nicht sein letzter Titel gewesen sein.

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