Noch gut ein Monat, dann trifft sich die internationale Turn-Elite beim 44. Turnier der Meister in Cottbus. Im RUNDSCHAU-Interview spricht Turnierdirektor Mirko Wohlfahrt über die Weltcup-Vorbereitungen, die Erkenntnisse der WM in Stuttgart und einen möglichen Start von Superstar Simone Biles.

Mirko Wohlfahrt, nach dem Abschluss der Weltmeisterschaften in Stuttgart gehen die Blicke der Turn-Welt nun nach Cottbus und zum 44. Turnier der Meister in der Lausitz-Arena. Sind Sie als Turnierdirektor und Ihr Organisationsteam schon bereit für den Ansturm der Athleten im November?

Wohlfahrt Die Vorbereitungen laufen natürlich und wir rechnen tatsächlich erneut mit rekordverdächtigen Teilnehmerzahlen. Allerdings ist erst nächste Woche Meldeschluss, da können wir dann mit der Detailplanung beginnen. Wie gehabt machen wir das mit unserem eingespielten Team. Da ist schon eine gewisse Routine dabei, allerdings wollen wir sehr aufmerksam arbeiten, damit wir den Turnern die mittlerweile von Cottbus gewohnte Qualität bieten können.

Auffällig bei der WM war: Mit dem Philippino Carlos Yulo am Boden, dem Türken Ibrahim Colak an den Ringen oder der Belgierin Nina Derwael am Stufenbarren holten dort Sportler Gold, die im vergangenen Jahr das Cottbuser Publikum begeistert haben. Kommen diese Weltmeister erneut in die Lausitz?

Wohlfahrt Das kann ich noch nicht genau sagen, weil wir wie gesagt noch keine namentliche Meldung der Sportler haben. Aber ich gehe davon aus, dass viele von denen, die sich über den Weltcup noch für Olympia qualifizieren können, sich die Chance in Cottbus nicht entgehen lassen wollen.

Wird Superstar Simone Biles aus den USA erstmals auch in Cottbus turnen – oder ist der Auftritt der fünffachen Weltmeisterin von Stuttgart ausgeschlossen?

Wohlfahrt Ausgeschlossen ist er für uns nicht. Allerdings hat Simone Biles ihre Olympia-Qualifikation ja schon locker drin. Daher vermute ich, dass der US-Verband eher anderen Sportlerinnen eine Chance geben wird.

Ist Cottbus für Simone Biles nicht attraktiv genug, obwohl das Turnier der Meister sich als Weltcup längst etabliert hat?

Wohlfahrt Das müsste man sie oder ihren Trainer fragen. Sie ist der absolute Superstar und die 1000 Euro Preisgeld werden sie sicher nicht nach Cottbus locken. Aber wir sind nicht in der Lage und auch nicht gewillt, da mehr auszuschütten oder Startgelder zu zahlen. Da machen wir auch für Simone Biles keine Ausnahme. Unser Anspruch ist es, allen Turnern hervorragende Bedingungen zu bieten. Über jeden Starter, der diesen Weltcup nutzt, freuen wir uns dann sehr.

Der Niederländer Epke Zonderland, dreifacher Sieger am Reck in Cottbus, hat bei der WM gepatzt. Mit einem Sieg am Königsgerät könnte er in Cottbus mit Rekordsieger Andreas Bretschneider gleichziehen. Packt er das?

Wohlfahrt Das ist ihm auf alle Fälle zuzutrauen. In Stuttgart ist er aufs Ganze gegangen und gescheitert. Nun muss er sich über die Weltcups für Olympia qualifizieren. Zwei Siege hat er schon, ein dritter in Cottbus und er ist in Tokio dabei. Ich wünsche ihm, dass er richtig fit wird. Er ist ein ganz besonderer Typ. Allerdings haben wir gerade am Reck in Cottbus immer ein sehr starkes Starterfeld.

Die deutschen Turner blieben bei der WM ohne Medaille und die Männer qualifizierten sich nur mit Ach und Krach für Tokio. Ist das deutsche Turnen in der Krise?

Wohlfahrt Das deutsche Turnen war seit 2004 im Aufwind, das hatte vor allem mit Fabian Hambüchen, Philipp Boy und Marcel Nguyen zu tun. Nach den Rücktritten von Hambüchen und Boy und Nguyens Verletzung mussten jetzt andere in die Bresche springen. In dieser Situation sollte man die geglückte Olympia-Quali als Erfolg bewerten. Jetzt hat man in der Tokio-Vorbereitung etwas mehr Ruhe. Ich finde aber, dass wir auch schon Olympia 2024 im Blick haben und unseren Nachwuchs langfristig aufbauen sollten.

Dafür wären ja auch die Talente aus der Cottbuser Turnschule wie Leonard Prügel (21), Lucas Kochan (19), Tom Schultze (18) oder Willi Binder (16) geeignete Kandidaten. Besteht die Chance, eines dieser einheimischen Gesichter schon beim diesjährigen Turnier der Meister zu sehen?

Wohlfahrt Das möchte ich mir nicht anmaßen, zu beurteilen. Das ist Aufgabe des Bundestrainers Andreas Hirsch. Natürlich freuen wir uns, dass es diese Talente in Cottbus gibt. Leo Prügel war ja bei der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung für die WM mit dabei und hat da seine Sache wohl sehr ordentlich gemacht. Lucas Kochan muss nach seinem Kreuzbandriss eher langfristig aufgebaut werden. Tom Schultze sollte seine Stärken ausbauen und auch bei Willi Binder, der sicher ein großartiges Talent ist, gilt es, Geduld zu bewahren. Im Fußball hätte man so einen Sportler vermutlich schon längst weggekauft – wir im Turnen haben indes die Chance, ihn längerfristig hier zu entwickeln.

Mit Mirko Wohlfahrt
sprach Jan Lehmann