Sportinternat Hufelandstraße. Fünfte Etage. Reichmann/Woitalla steht auf dem Klingelknopf. Dahinter verbirgt sich ein äußerst erfolgreiches Doppelzimmer. Seit Schuljahresbeginn leben die beiden Zwölftklässler in einer typischen Männerwirtschaft. Spartanisch eingerichtet. Nur das Nötigste: zwei Betten, Schränke, Regale, ein Fernseher, den Steve zum „Hausstand“ beigesteuert hat, und ein Computer, der Tobias gehört. Poster hängen an den Wänden. In der Ecke steht ein Kühlschrank. Sein Inhalt: Margarine und Ketchup. „Wir wollten heute noch einkaufen“ , versichert Tobias Reichmann und lächelt verschmitzt.
Eine Leidenschaft neben dem Sport offenbart sich auf dem Kühlschrank: Drei Nutella-Gläser mit Löffeln. „Eins pro Woche schafft jeder mindestens“ , sagt Steve Woitalla. Ein Balkon und ein Badezimmer gehören auch noch zum Reich der beiden Nachwuchssportler. Eine Küche gibt es nicht. Die brauchen sie aber auch nicht: Vollpension im Internat. „Wenn wir zwischendurch Hunger haben, wird einfach eine Pizza bestellt.“ Und das, obwohl Tobias nach eigenen Angaben gut kochen kann: „Das mache ich dann eben, wenn ich mal zu Hause bin.“

Nur noch selten in der Heimat
Dort sind die beiden allerdings nicht mehr oft. Tobias stammt aus Rangsdorf, Steve aus Schwedt. Ihre Familien haben sie seit Sommer höchstens zwei- bis dreimal zu Gesicht bekommen. Doch die jungen Männer plagt kein Heimweh. Im Gegenteil. Sie sind mittlerweile selbstständiger als so mancher Altersgenosse. Das Bad wird zwar täglich von fremder Hand gesäubert, für den Rest sind sie aber selbst verantwortlich. Auch das Wäschewaschen ist ihre Sache.
Sie würden sehr gut miteinander klar kommen, berichten sie. Keine Konflikte, vie le Gemeinsamkeiten. Der gut 20 Zentimeter Größenunterschied scheint neben der Sportart die einzige Unähnlichkeit der blonden Linkshänder zu sein, die beide im Mai 1988 geboren sind.
Auch mit Damenbesuchen gibt es im Hause Reichmann/Woitalla keine Probleme. „Das kriegen wir geregelt“ , sind sie sich einig. Selbst der Musikgeschmack führe nie zu Differenzen. Und geschlafen wird, wenn Comedy-Star Stefan Raab gegen 23 Uhr seine Show „TV total“ beendet hat. Schließlich klingelt in der Schulzeit morgens bereits um 6.15 Uhr der Wecker. Zumindest der von Tobias. „Ich bin ein richtiger Morgenmuffel“ , gibt Steve zu - und das, obwohl der Mannschaftsbus zu Auswärtswettkämpfen oftmals fünf Uhr in der Früh startet.

Lausitzer Sportschüler seit 2000
Die Athleten besuchen seit fünf Jahren die Lausitzer Sportschule. Neben Sport hat Tobias Mathematik und Steve Englisch als Leistungskurs gewählt. Ein typischer Tag beginnt bei ihnen um 7.30 Uhr mit Pauken. Gegen 9 Uhr schließt sich das erste Training an. Zwei Stunden später sitzen beide beim Mittagessen. Bis in den Nachmittag schwitzen sie wieder über den Schulbüchern. Ab 15 Uhr geht es bei Steve zum SCC in die Turnhalle, Tobias trainiert ab 18 Uhr mit dem LHC in der Lausitz-Arena. 21 Uhr sind beide in ihrem Zimmer angekommen. Dort werden dann Hausaufgaben erledigt, Computerspiele gemacht, Musik gehört oder fern gesehen.
In ihren Vereinen spielen die zwei Sportler unterschiedliche Rollen. Tobias ist das Nesthäkchen beim LHC, ein ziemlich sprunggewaltiges: 60 Zentimeter schafft er aus dem Stand. In seiner ersten Saison bei den Männern war er dreimal im Einsatz und hat drei Treffer erzielt. Seine Ambitionen definiert er klar: „Ich will Profi werden.“ Die 1. Bundesliga sei sein Ziel, am liebsten Kiel. „Das ist mein Traumverein, und natürlich die Nationalmannschaft.“
Steve, der seit zwölf Jahren turnt, ist mit dem SCC in der 1. Liga schon angekommen. In der Nationalmannschaft will er „regelmäßig dabei sein.“ Als nächstes steht ein Länderkampf in Spanien an. Das große Ziel sei aber die EM 2006 im April. Nach dem Abitur hofft er - wie Mannschaftskollege Robert Juckel - in der Sportfördergruppe der Bundeswehr zu landen.
Wenn es die Zeit erlaubt, besuchen die Zimmerkollegen auch gegenseitig ihre Wettkämpfe. So wie heute. Zunächst schaut sich Tobias in der Turnhalle im Sportzentrum an, wie sich der SCC gegen Monheim bewährt. „Die müssen wir wegputzen, wenn wir eine Medaille wollen“ , kündigt Steve selbstbewusst an. Anschließend wechselt der Turner in die Zuschauerrolle und fiebert auf den Rängen mit dem LHC mit, der in der Lausitz-Arena gegen Neubrandenburg antritt. „Wir werden gewinnen“ , ist Tobias optimistisch. Dabei werden die 17-Jährigen heute besonders motiviert sein: Ihre Familien haben sich angekündigt, um zu sehen, was ihre ehrgeizigen Sprösslinge in der Fremde machen.

Service Termine SCC und LHC
  Die Turner des SC Cottbus absolvieren heute ihren ersten Heimwettkampf in der Bundesliga-Saison. Start ist um 15 Uhr in der Turnhalle des Sportzentrums . Fehlen werden Robert Juckel und Brian Gladow. Dagegen steht Philipp Boy dem Tabellensechsten wieder zur Verfügung.
„Wenn wir genauso geschlossen und konzentriert zu Werke gehen, wie in Straubenhardt, können wir in der Tabelle einen Schritt nach vorn machen“ , so SCC-Trainer Horst Werner.
Die Regionalliga-Partie des LHC Cottbus gegen den SV Fortuna Neubrandenburg wird um 18 Uhr in der Lausitz-Arena angepfiffen. Nach dem knappen Auswärtssieg in Stockelsdorf erwartet Trainer Dietmar Rösicke besonders von den jungen Spielern eine wesentliche Leistungssteigerung.
Zum Einspruch gegen den Punkte-Abzug liegt den Cottbusern noch keine Reaktion des NOHV vor.