Die Umarmung mit Aleksander Harisanow in der deutschen Box fiel etwas distanziert aus. Ein kurz angedeutetes Umarmen, ein sachlicher Glückwunsch. Auch das gemeinsame Erinnerungsfoto wirkte etwas steif. Dabei sind Emma Hinze und ihr Cottbuser Heimtrainer in den vergangenen Monaten zu einer fest verschworenen Einheit geworden. „Mein Trainer hat einen sehr großen Anteil an dieser Medaille. Ohne ihn wäre ich nicht hier“, sagt Hinze lächelnd, gerade bei der WM in Pruszkow mit Bronze im Teamsprint dekoriert.

Anfang 2015 wechselte die gebürtige Hildesheimerin zum RSC Cottbus und an den Olympiastützpunkt in die Trainingsgruppe von Aleksander Harisanow. Der war 2014 von Erfurt in die Lausitz gekommen. Bei der Junioren-EM und -WM 2015 räumt Hinze im Sprintbereich fast alles ab, was es zu gewinnen gibt. Mit dem Wechsel in die Eliteklasse in die Trainingsgruppe von Eyk Pokorny beginnen aber die Probleme an Knie und Rücken. Zwar gelingt ihr sogar die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio als Ersatzfahrerin, aber die Beschwerden bleiben und Gedanken an ein Karriereende kommen auf. Auch ein kurzzeitiger Wechsel zu Michael Max bringt nicht die Wende.

 Seit Hinze mit Lehrertrainer Harisanow wieder zusammenarbeiten kann, hat sie in die Erfolgsspur zurückgefunden. „Emmas Niveau war vor eineinhalb Jahren total im Keller – eigentlich war sie von allen abgeschrieben“, erläutert der 45-Jährige, der neben Hinze ausschließlich Nachwuchs betreut.

Beide haben sich Zeit genommen und quasi von Null neu begonnen. „Emma musste ihren Körper erst wieder kennenlernen. Sechs Wochen haben wir nur im Turnraum gearbeitet. Rollen rückwärts, Rollen vorwärts, Bewegungsebenen und -abläufe wieder zurückgeholt. Da war schmerzbedingt alles verdeckt“, erklärt Harisanow. Emma Hinze ergänzt: „,Ich bewege mich wie eine Oma’, hat er damals immer gesagt“, erinnert sich die 21-Jährige.

 Die Geduld hat sich gelohnt. Gleich der Saisoneinstieg 2019/20 mit EM-Bronze im Teamsprint verlief überaus vielversprechend. Im Laufe der Weltcup-Saison stand die Bundeswehr-Soldatin sechsmal als Zweite auf dem Podest, auch in Einzeldisziplinen. Lohn sind drei WM-Starts in Pruszkow – und gleich zum Auftakt Bronze im Teamsprint. Im kleinen Finale besiegten am Mittwoch Hinze und Miriam Welte aus Kaiserslauterin in 32,789 Sekunden das Überraschungs-Duo aus Mexiko (33,455). Für Welte war es die 15. Medaille in ihrer langen Karriere – für Hinze die Premiere in der Elite.

„Bei der Siegerehrung ist mir alles nochmal durch den Kopf gegangen, dass ich eigentlich schon nicht mehr fahren wollte. Aber es hat sich gelohnt“, sagt Hinze freudestrahlend. „Mein Trainer hat mir immer sein Vertrauen geschenkt. Und damit ist auch mein Selbstvertrauen zurückgekommen – es funktioniert einfach“, freut sich die RSC-Sportlerin.

Auch für Bundestrainer Detlef Uibel ist der Schritt zurück zu Harisanow der Schlüssel zum Erfolg gewesen. „Aleksander hat sich nie unter Druck setzen lassen und Emma wieder stabil und wettkampfhart gemacht“, sagt er anerkennend.

Nach den WM-Auftritten im Sprint und Keirin und der Rückkehr nach Cottbus wartet auf Hinze ein zweiwöchiger Urlaub. Danach muss sie  zu einem Bundeswehr-Lehrgang, ehe der Neuaufbau beginnt. „Das große Ziel sind die Olympischen Spiele 2020. Das Ergebnis hier ist eine Bestätigung ihrer Leistungsfähigkeit. Ein Zwischenschritt, zu dem was nächstes Jahr kommen soll“, erklärt Harisanow und blinzelt auf die Medaille. Emma Hinze will sich auf dem Weg dahin ihre neue alte ­Lockerheit bewahren: „Ich versuche jeden Tag aufs Neue mich zu verbessern und Spaß zu haben.“