Von Ruben Stark, Emanuel Reinke und Steven Wiesner

 Roger Kluge tritt bei der Tour de France immer dann in Erscheinung, wenn es hektisch wird. In der Vorbereitung eines Massensprints, wenn die Nerven bis zum Zerreißen angespannt sind, wenn Mut ebenso gefragt ist wie kühles Taktieren, schlägt die Stunde des Brandenburgers. „Da werden im Finale schon so manche Türen brutal zugeschlagen. Da wird sich durchgequetscht, wo eigentlich keine Lücke ist“, beschrieb der 33-Jährige aus Eisenhüttenstadt den heißen Endkampf der FAZ.

Kluge, der beim RK Endspurt Cottbus Mitglied ist, eskortiert beim belgischen Team Lotto-Soudal seinen Sprinter Caleb Ewan wie ein Bodyguard durch die schmalen Lücken des rasenden Feldes, bis der Australier in der richtigen Position ist. Der Bahnradspezialist macht das so gut, dass Ewan ihn bei allen wichtigen Rennen um sich haben möchte. Ob im Mai beim Giro d‘Italia oder jetzt bei der Frankreich-Rundfahrt, für Ewan ist Kluge unverzichtbar. Weil er weiß, was er an ihm hat. Auch wenn der Kapitän seinem Helfer ab und zu mal eine Ansage macht, wie Kluge jüngst im RUNDSCHAU-Interview verraten hat: „Ich habe neulich eine Ansage von meinem Kapitän bekommen, dass ich etwas mehr riskieren und die Ellenbogen ausfahren soll. Solange alles fair bleibt, habe ich damit kein Problem. Aber ich bin schon ruhiger geworden nach ein paar Stürzen und der Geburt meiner Tochter.“

Seit zweieinhalb Jahren fährt der gebürtige Eisenhüttenstädter nun schon an der Seite des gedrungenen Sprinters aus Down Under, zunächst bei Mitchelton-Scott, seit 2019 in der belgischen Lotto-Equipe. Besagte Kooperation hat Kluges Straßenkarriere noch einmal einen Impuls verliehen und ihn zum dritten Mal zur Tour de France geführt. „Das Jahr verlief wirklich nach Plan, wir haben immer mehr zueinandergefunden“, sagte der 1,93-m-Hüne, der Ewan beim Giro zu zwei Etappensiegen geführt hatte.

Bei der Tour sorgt Kluge dafür, dass andere glänzen, im Velodrom ist aber er derjenige, der im Mittelpunkt steht. Zwei Weltmeistertitel im Zweier-Mannschaftsfahren, dem Madison, hat Kluge an der Seite des Berliners Theo Reinhardt gefeiert – und gerade dieses Jahr bewies er dabei seine erstaunliche und blitzartige Wandlungsfähigkeit.

Anfang März bestieg er samstags einen Nachtflug von einer Rundfahrt in den Arabischen Emiraten nach Warschau zur Bahnrad-WM. Dreieinhalb Stunden vor Rennbeginn landete Kluge in Polen – und raste zu Gold. 1000 Kilometer Abreise und sechs Stunden Flug hatte Kluge in den Beinen, stoppen ließ er sich davon nicht. „Die Bahn war schon immer meine Leidenschaft“, erklärte Kluge, weshalb er solche Umstände auf sich nimmt.

Priorität hat dennoch die Straße, dort verdient sich Kluge sein Auskommen, bis er 40 ist, will er noch fahren. Der Giro-Etappensieger von 2016 verdankt es seiner Anpassungsfähigkeit, dass er beide Disziplinen so mühelos kombinieren kann. Manche Radsport-Experten sehen in dem seit 1999 beim RK Endspurt fahrenden Kluge deshalb auch den Prototypen eines Radprofis. Und nicht zuletzt deshalb hat der Wahl-Berliner für 2020 noch zwei besondere Highlights auf der Bahn im Visier. Einmal die WM im Februar vor seiner Haustür in Berlin und die Olympischen Spiele in Tokio.

Wenn alles gut geht, wird Roger Kluge mit Goldambitionen nach Japan reisen, aber auch seine Flexibilität wieder auf eine besondere Probe gestellt werden. Denn für Caleb Ewan dürfte die Tour de France auch 2020 der Saisonhöhepunkt sein, die Coolness und Erfahrung seines deutschen Helfers wären dann erneut unersetzlich. Zumindest die Anreise nach Tokio kann Kluge aber entspannter planen. Zwischen dem Tour-Ende und dem olympischen Madison-Rennen liegen 20 Tage.