Im Plattensee (Balaton) setzte sich Lurz vor zahlreichen Touristen an einem Hotelstrand nach 1:54,22,5 Stunden 2,3 Sekunden vor Weltmeister Valerio Cleri aus Italien durch. Der 30-Jährige holte seinen dritten EM-Titel in Serie und den vierten insgesamt. “Ich wusste, dass ich über die letzten 500 Meter der Schnellste bin und eine Medaille sicher habe„, sagte Lurz. Der neunmalige Weltmeister ließ im Schlussspurt der Konkurrenz trotz unterlegenen Materials keine Chance. Lurz trat in eng anliegender Badehose an, Cleri und vier andere Schwimmer trugen einen Ganzkörperanzug und hatten dank besserer Gleitfähigkeiten einen Vorteil.

Bei der WM Mitte Juli in Roberval in Kanada waren die Anzüge der Deutschen vom Weltverband Fina verboten worden. Nach unterschiedlichen Auskünften hatte die Fina die Reißverschlüsse kurzfristig moniert - die Deutschen mussten bei 16 Grad in geliehenen Badehosen schwimmen. “Mein sechster Platz damals hat mich schon gewurmt, ich wollte schon Revanche„, sagte Lurz.

Vize-Weltmeister Jewgeni Drattsew (Russland/+ 4,1 Sekunden) wurde Dritter, Christian Reichert (Wiesbaden) feierte als Vierter mit 8,5 Sekunden Rückstand sein bestes internationales Resultat. “Es ist zwar schade, dass ich keine Medaille gewonnen habe, aber es überwiegt die Freude„, sagte der Polizeikommissar. Ehefrau Nadine Reichert wurde im Zeitschwimmen über 5 Kilometer beim Sieg der Russin Jekaterina Seliwerstowa Fünfte. Kurz nach dem Start schwamm sie etwa 50 Meter in die falsche Richtung und verlor wertvolle Sekunden. “Ich habe bei den Wellen und dem trüben Wasser die Bojen schlecht gesehen„, sagte Nadine Reichert, die ihre Sehschwäche von 8,5 Dioptrie bald per Laser korrigieren lassen will.

Im Jagdrennen über 5 Kilometer an diesem Donnerstag hat Lurz eine weitere Medaillenchance. “Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr auch im Anzug schwimmen kann„, sagte der Hauptgefreite der Sportförderkompanie mit Blick auf die WM und den ersehnten Olympiasieg 2012. Immerhin schwamm Lurz im 23 Grad warmen Plattensee mit einem neuen “Jammer„. Die Badeshorts waren erst Dienstagabend geliefert worden.

Weltmeister Cleri konnte auf den letzen Metern dem taktisch Geschick von Lurz nichts entgegensetzen. “Ich war schon an seinen Füßen dran, aber er ist sehr clever und schnitt mir den Weg ab„, sagte der Italiener fast schon freundschaftlich-bewundernd. Britta Steffen wird vier Jahre nach ihrem großen Triumph bei der Schwimm-EM in Budapest die diesjährigen Titelkämpfe in Ungarn als Zuschauerin erleben. Die Doppel-Olympiasiegerin will ihren Freund Paul Biedermann unterstützen.Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, zur EM zu kommen?
Ich glaube, wenn es Paul nicht geben würde, wäre ich nicht dabei. Dann würde ich mich zurückziehen und mein eigenes Ding machen. Aber es hat mir schon ein bisschen wehgetan, dass ich nicht dabei sein kann, wenn er schwimmt. Ich wollte unbedingt live dabei sein, wenn er schwimmt. Ich war ein bisschen hin und her gerissen: Es wird mir wehtun, nicht selber an den Start gehen zu können, aber die Freude darauf, ihm beim Schwimmen zuzusehen, überwiegt. Deswegen finde ich es ganz toll, dass die ARD mich als Gast mitnimmt.

Wie wichtig ist es für Euch, dem anderen zuzusehen?
Ich weiß gar nicht, ob das für ihn wichtig ist. Ich glaube, er freut sich, wenn ich da bin. Aber letztlich muss er schwimmen und muss sehr konzentriert sein, und da spiele ich dann nicht so eine Rolle. Im Moment kann ich ihm mehr entgegenkommen, weil auf mir kein Druck lastet.

Ist da mehr die Spitzensportlerin oder die Freundin gefordert?
Ich glaube, beide Rollen bieten Vorteile. Auf der einen Seite bin ich seine Freundin, und wenn er mich braucht, bin ich da. Auf der anderen Seite bin ich die Sportlerin und weiß genau, was in ihm vorgeht und lass ihn in Ruhe. Wenn er dann vielleicht sagt “Du, ich brauch' jetzt meine Ruhe„, dann würde ich als Freundin denken “Oh Mann, eigentlich wollte ich ihm nur helfen„. Als Sportlerin würde ich sagen: “Klar verstehe ich total, würde mir nicht anders gehen„. Diese Mischung ist ganz förderlich für die Beziehung.

Es fragte Marc Zeilhofer