Aus dem dichten Rauschebart von Simon Geschke kam ein breites Grinsen zum Vorschein, nachdem er sich mit feuchten Augen auf dem großen Podium die Siegerküsschen abgeholt hatte. "Das ist der schönste Tag in meinem Leben", stammelte der Berliner mit dem großen Kämpferherz und stieß Jubelschreie in den wolkenverhangenen Himmel von Pra Loup. Geschke weinte, lachte und tanzte mit seinen Teamkollegen. Zuvor hatte er einen bravourösen 49-Kilometer-Soloritt durch die Alpen hingelegt und war mit dem ersten Etappensieg bei der Tour de France am Ziel seiner Träume angelangt.

"Das ist ein bisschen surreal. Ich werde einige Tagen brauchen, um das richtig zu kapieren", ergänzte Geschke, der auf dem 17. Teilstück für den ersten deutschen Sieg auf einer Bergetappe seit Linus Gerdemann 2007 sorgte. Der 29-Jährige hatte nach 161 Kilometern von Digne-les-Bains nach Pra Loup mit einem Vorsprung von 32 Sekunden auf den Amerikaner Andrew Talansky als Erster den Gipfel erreicht.

Alles riskiert - und alles gewonnen. "Ich habe wie beim Pokern alles auf eine Karte gesetzt", sagte Geschke, der sich immer wieder die Tränen aus den Augen wischen musste, zu seinem gewagten Manöver: "Ich wusste, dass ich durch die Schmerzgrenze muss. Ich hatte noch Krämpfe am letzten Anstieg, aber heute hat alles gepasst." Es war erst sein dritter Profisieg, aber dafür ein ganz besonderer. Zugleich fügte er der deutschen Erfolgsgeschichte mit dem fünften Sieg in 2015 ein weiteres Kapitel hinzu.

Dabei war der 29-Jährige gar nicht für die Tour vorgesehen. Erst durch die Formschwäche von Sprintstar Marcel Kittel war er ins Team gerutscht. Eine goldrichtige Entscheidung der Verantwortlichen des Giant-Alpecin-Teams, das nach vielen Enttäuschungen erstmals jubeln durfte.

"Simon arbeitet im Hintergrund, aber er hat einen großen Wert für uns. Radsport ist ein Teamsport, und da bringt er sich voll ein. Gerade bei dem Profil in diesem Jahr sind Fahrer wie er sehr wichtig", sagte Teamchef Iwan Spekenbrink.

Und diesmal spielte Geschke die Hauptrolle. Spitzenreiter Christopher Froome erreichte 7:16 Minuten hinter dem Deutschen das Ziel, hatte aber seine Konkurrenten um den Kolumbianer Nairo Quintana wieder fest im Griff. Dazu verabschiedete sich der Amerikaner Tejay van Garderen unfreiwillig aus dem Kreis der Rivalen. Der BMC-Kapitän stieg 72 Kilometer vor dem Ziel krankheitsbedingt vom Rad und gab mit Tränen in den Augen auf. Auch für Girosieger Alberto Contador war es ein bitterer Tag, nach einem Sturz verlor er über zwei Minuten auf Froome.

Als Mitglied einer 28-köpfigen Spitzengruppe hatte Geschke den Grundstein zu seinem Erfolg gelegt. 49 Kilometer vor dem Ziel setzte er schließlich eine weitere Attacke und fuhr alleine über den Col d'Allons. Eine Minute Vorsprung hatte er auf dem mit 2250 Metern höchsten Berg dieser Tour vor dem Franzosen Thibaut Pinot. Und auf der gefährlichsten Abfahrt der Tour konnte Geschke weitere Sekunden gewinnen, weil Pinot in einer Kurve zu Fall kam. Somit startete der Deutsche mit einem Polster von gut zwei Minuten auf fünf Verfolger in den 6,2 Kilometer langen Schlussanstieg nach Pra Loup.

Doch von Meter zu Meter schmolz der Vorsprung dahin. Gut drei Kilometer vor dem Ziel war es nur noch eine Minute. Geschke kämpfte aber weiter verbissen, ging immer wieder aus dem Sattel. Dann war es klar - und Geschke ballte die Fäuste.