Sportfilme gibt es wie Sand am Meer. Gerade ist mit der Amazon-Produktion über die Karriere von Bastian Schweinsteiger („SCHW31NS7EIGER“) die nächste Dokumentation aus der Welt des Sports auf den Markt gekommen. Die Sportredakteure der Lausitzer Rundschau stellen nun ihre Favoriten vor – und haben auch aus Lausitzer Sicht so manche Empfehlung.

Der letzte Tanz der legendären Chicago Bulls

„The Last Dance“, Erscheinungsjahr: 2020, Länge: 10 Folgen (1 Staffel), Wo: Netflix, Preis: 7,99 Euro/mtl.

Der einstige Basketball-Superstar Michael Jordan spendet 100 Millionen Dollar für den Kampf gegen Rassismus. Diese humane Geste ist bemerkenswert, da man Jordan in der Netflix-Doku „The Last Dance“ auch als breitbeinig auf dem Sessel fläzendes Ex-Ungetüm erleben kann. Er blickt auf seine einzigartige Karriere zurück, in der oft die Frage im Raum stand, welcher Galaxie diese übermenschliche Gestalt mit der Rückennummer 23 eigentlich entstammt. Wie Jordan das Spiel, die Gegner, die Liga dominierte, ist auch zwei Jahrzehnte später atemberaubend.
Die Kehrseite der Superstar-Medaille: Jordans einstige Kollegen von der 90er-Jahre-Über-Mannschaft Chicago Bulls oder dem Dream Team der Olympia-Auswahl sprechen zwar in Hochachtung vom wohl herausragendsten Sportler aller Zeiten – und lassen dennoch in kleinen Gesten und gemurmelten Halbsätzen durchblicken, was für ein – mit Verlaub – herausragender Kotzbrocken „His Airness“ gleichermaßen gewesen sein muss. Dabei ist die Doku dem Superstar wohlgesonnen – weil Jordan selbst die Rechte an den exklusiven Sequenzen aus der Saison 1997/98 hat.
Die zehn Folgen ziehen in ihren Bann. Erst recht weil man Jordan zwar in den 90er-Jahren als weltweite Werbefigur bestens kannte – aber die meisten seiner spektakulären Spiele in Deutschland gar nicht live zu sehen waren. Die Aufnahmen aus der Mannschaftskabine, den Hotelzimmern und vor allem direkt vom Spielfeldrand  sind Goldstaub aus dem Sportarchiv. Man beobachtet die Bulls dabei, wie sie fast ein Jahrzehnt lang dominieren und auf ihrem letzten Tanz versuchen, den sechsten Titel zu gewinnen.
Dabei drehen sie bemerkenswerte Pirouetten – auf und neben dem Feld. Dass Jordan damals einem afroamerikanischen Kandidaten der Demokraten bei den Senatswahlen in seinem Heimatstaat North Carolina die Unterstützung gegen einen rassistischen republikanischen Kandidaten versagte, ist nur eine schwer nachvollziehbare Rand-Notiz. Jordan, der als Ikone von Sportartikelhersteller Nike Millionen verdiente, soll im Kotzbrocken-Stil begründet haben: „Auch Republikaner kaufen Turnschuhe.“ Dass er nun in so schwierigen Zeiten seine politische Zurückhaltung aufgibt und mit der Spende ein Zeichen sendet, ist 22 Jahre nach dem letzten Tanz mit den Bulls eine wohltuende Wendung: Vielleicht ist dieser Jordan ja doch so etwas wie ein Mensch. (jal)

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Die Eisbären Berlin und der Stolz des Ostens

„Heimspiel“, Erscheinungsjahr: 2000, Länge: 95 Minuten, Wo: Amazon Prime, Preis: 7,99 Euro/mtl.

In der aktuellen Flut von Sport-Dokumentationen auf allen Kanälen macht ein Griff ins Archiv auch mal Spaß. „Heimspiel“ von Oscar-Gewinner Pepe Danquart wurde vor genau 20 Jahren veröffentlicht und ist auf Amazon zu sehen. Den Eishockey-Fans aus der Lausitz dürfte der Blick hinter die Kulissen bei den Eisbären Berlin besonderes Vergnügen bereiten. Der heutige Kooperationspartner der Lausitzer Füchse stand um die Jahrtausendwende noch ganz im Zeichen des Umbruchs – und so ist Danquarts Film trotz der für damalige Verhältnisse innovativen Aufnahmen von der Eisfläche vor allem eine politische Bestandsaufnahme. Die ostdeutschen Fans kämpften damals in Berlin wie auch in Weißwasser mit ihren „Dynamo“-Schlachtrufen für die Anerkennung ihrer Biografien.
Mit dem jungen Sven Felski als einen der Protagonisten suchte sich Danquart damals zielsicher einen Spieler aus, der später mit den Berlinern sechsmal Deutscher Meister wurde und immer noch Rekordspieler der Eisbären sowie Ikone der Fans ist. Vier Jahre später hatte Danquart nicht ganz so viel Glück. Bei der Doku „Höllentour“ über das Team Telekom bei der Tour de France waren Erik Zabel und Rolf Aldag seine sympathischen Vorzeige-Athleten. Jahre später offenbarten sich die beiden Strahlemänner allerdings als Dopingsünder. (jal)

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Der Held von Rio mal ganz anders

„Being Mario Götze“, Erscheinungsjahr: 2018, Länge: 4 Folgen (1 Staffel), Wo: Dazn, Preis: 11,99 Euro/mtl.

Wie ist das möglich? Im Grunde ist das die zentrale Frage, die sich alle Welt stellt, wenn sie an Mario Götze denkt. Wie ist es möglich, dass dieser fast schon unverschämt begnadete Bursche, der doch alles konnte, dem als Teenager auch alles gelang und der als die deutsche Antwort auf Lionel Messi auserkoren wurde, heute nicht mal mehr Stammspieler in der Fußball-Bundesliga ist? „Being Mario Götze“ liefert Erklärungsansätze und protokolliert, wie aus dem Himmelsstürmer und womöglich talentiertesten deutschen Fußballer, den es jemals gab, ein Kopfmensch und Zweifler wurde.
Regisseur Aljoscha Pause, dem mit Thomas Broich („Tom Meets Zizou“) vor Jahren schon einmal ein fantastisches Porträt eines Profifußballers gelungen ist, hat den medienscheuen Götze erstmals als Privatperson zu greifen bekommen. So erlebt der Zuschauer den oft missverstandenen und von vielen Medien eher eindimensional abgebildeten Götze diesmal als sehr reflektierten und eloquenten jungen Mann, der überraschend viel von sich preisgibt. Genauso wie seine Ehefrau, die zeigt, dass sie viel mehr ist als eine Schickimicki-Garnitur.
Das Salz in der Suppe sind aber die Einordnungen von Götzes Weggefährten. Vom Bruder, Papa, Jugendtrainer, Bundestrainer und Nationalmannschaftskollegen kommen alle zu Wort. „Er ist nach wie vor ein Spieler, der ganz besondere Dinge machen kann. Und wer wirklich Ahnung vom Fußball hat, der sieht das auch“, sagt Toni Kroos. „Das Gesamtpaket war so wahnsinnig spannend, wir hätten blind sein müssen, um das nicht zu erkennen“, sagt Jürgen Klopp. Er habe schon ein paar Jungs trainiert – aber so wie Götze war keiner. „Da führt überhaupt kein Weg dran vorbei.“
So wie an dieser Doku, die den brisanten Wechsel von Dortmund zu Bayern aufarbeitet, die offenbart, was sich Götze von seinem Wunschtrainer Guardiola gewünscht hätte, die aber auch viele andere Facetten bietet. Auch wenn sie schon zwei Jahre alt ist und die Reise zur WM 2018 skizziert, steht sie noch heute im obersten Regal aller Fußballfilme. Das einzige Problem: Danach wünscht man sich noch mehr, dass Götze so schnell wie möglich wieder den Zauber früherer Jahre versprüht. (swr)

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Ein Einblick in die Welt der Schiedsrichter

„Karten, Pfiffe, fette Bässe“, Erscheinungsjahr: 2020, Länge: 1 Folge (29 Minuten), Wo: ARD Mediathek, Preis: kostenlos

Sonst muss ich dich Gelb machen!“ Das ist wohl der präg­nanteste Satz aus der Reportage über Deniz Aytekin, den derzeit besten Schiedsrichter in der deutschen Fußball-Bundesliga. Ein Filmteam der ARD hat den Fifa-Referee Anfang des Jahres begleitet und einen kurzen, aber überraschenden Einblick gegeben in die Welt der vielerorts so ungeliebten Regelhüter auf dem grünen Rasen. Der Kinofilm „Referees At Work“, der den ehemaligen Welt-Schiedsrichter Howard Webb aus England bei der EM 2008 porträtierte, hatte damals Pionierarbeit geleistet in der Schiedsrichter-Branche. Der Beitrag über Aytekin macht dort weiter und zeigt, was die Unparteiischen alles leisten und über sich ergehen lassen müssen von Ausdauerläufen im Trainingslager bis hin zu Körperfettmessungen. Sie zeigt, wie die Schiedsrichter und Assistenten im Stadion untereinander kommunizieren über ihre Kopfhörer, auch mit dem Video-Keller in Köln. Sie zeigt aber auch (und das ist wahrscheinlich der spannendste Blick hinter die Kulissen), wie die Schiedsrichter mit den Spielern reden und wer ihnen am meisten auf den Sender geht.
Aytekin verrät, wie ihm Buntstifte dabei helfen, den richtigen Spielern Gelbe Karten zu geben. Und er stellt klar, dass es keinen Spaß macht, Bundesliga-Raketen wie Achraf Hakimi oder Timo Werner hinterherzusprinten: „Wenn ein junger Kerl wie Werner antritt, hat man als 41-jähriger Schiedsrichter keine Chance. Der nimmt einem auf 100 Metern natürlich 70 ab.“ Die Dokumentation „Karten, Pfiffe, fette Bässe“ wird das Ansehen der Schiedsrichter erhöhen. Hoffentlich auch für die Jungs, die sich jedes Wochenende auf den Kreisliga-Plätzen vollkoffern lassen müssen. (swr)

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Eine Schablone für die Lausitz und Energie Cottbus

„Sunderland ´Til I Die“, Erscheinungsjahr: 2018, Länge: 14 Folgen (2 Staffeln), Wo: Netflix, Preis: 7,99 Euro/mtl.

Ein Fußballclub aus einer wirtschaftsschwachen Region, der nach dem Abstieg aus der 1. Liga versucht, den freien Fall zu stoppen? Was auf den ersten Blick auch wie eine Aufarbeitung vom FC Energie Cottbus anmutet, ist eine Dokumentation über den englischen Traditionsclub FC Sunderland. Seitdem der einstige Industriestandort an der britischen Küste seine Bedeutung als Schiffs- und Bergbauregion verloren hat, ist der Fußball der letzte Rettungsanker für die Menschen. Den Leitspruch „Sunderland bis zum Tod“, der der Doku auch ihren Namen gegeben hat, nehmen die Anhänger wörtlich. Anders ist ihre Hingabe und Treue für diesen immer wieder tragisch scheiternden Club auch nicht aufrechtzuerhalten.
Bis 2017 war der Verein Bestandteil der schillernden Premier League, der sein Selbstverständnis nicht zuletzt daraus zog, den Liverpools und Manchesters immer wieder mal ans Bein pinkeln zu können. Nach dem Abstieg wollte das amerikanische Filmunternehmen Netflix dann den triumphalen Wiederaufstieg auf Band haben. Doch aus dem Märchen wurde ein Horrorfilm – und Sunderland in die 3. Liga durchgereicht. Von diesem Absturz erzählt die erste Staffel (2018).
Im April dieses Jahres ist nun die Fortsetzung erschienen, die die neuen Klubbesitzer dabei zeigt, wie sie aus einem „absoluten Scheißhaufen“ (O-Ton Manager Charlie Methven) einen ernstzunehmenden Club zu machen versuchen. Ihre emotionale Kraft zieht die Reportage aber daraus, dass die Filmemacher den Fans viel Raum geben. Jenen Anhängern, die von montags bis freitags nur aus dem Grund arbeiten gehen, um sich das Ticket fürs Wochenende leisten zu können. Die mit Trikots in die Kirche pilgern, um Gebete für ihren Club zu sprechen. Die schlechte Spiele und Niederlagen ihres Teams persönlich nehmen. Und die den Club mit ihrer Erwartungshaltung auch lähmen können. Entstanden ist eine beeindruckende Story über eine fußballverrückte Region, die mit den Dämonen ihrer Vergangenheit und Gegenwart kämpft – und die auch als englische Schablone für die Lausitz taugt. (swr)

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