von Julian Münz

Speerwerferin Annika-Marie Fuchs hat gerade einen Lauf. An diesem Samstag (16 Uhr) tritt die gebürtige Cottbuserin als Zweitplatzierte der Bestenliste bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin an und ist damit eine der Favoritinnen auf die Medaille. „Irgendwie ist der Knoten geplatzt“, sagt Fuchs über die vergangenen Monate, in denen ihr ein beachtlicher Leistungssprung gelang. Erst Mitte Juli warf sie bei den U23-Europameisterschaften im schwedischen Gävle mit 63,38 Metern eine neue persönliche Bestweite, die zugleich den Europameistertitel bedeutete. Wenige Wochen zuvor hatte sie zum ersten Mal überhaupt in ihrer Karriere einen Speer über die 60-Meter-Marke geworfen. Damit hat sich Fuchs auch einen Startplatz bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im September in Katar gesichert.

WM-Qualifikation verlängert die Saison

Das WM-Debüt ist für die Leichtathletin eine willkommene Extraschicht: „Normalerweise haben wir unseren Saisonhöhepunkt im August mit den deutschen Meisterschaften“, erzählt Fuchs, die mittlerweile beim SC Potsdam trainiert. „Jetzt dauert die Saison wahnsinnig lang und man muss sich die Kräfte gut einteilen“, weiß sie.

Im technischen Bereich, aber auch mental hat Annika Fuchs schon in den vergangenen Saisons viel an sich gearbeitet und damit den Grundstein für den derzeitigen Erfolg gelegt. „In den letzten Jahren war ich vor Wettkämpfen immer viel zu unruhig und gar nicht so richtig bei der Sache“, erklärt die Leichtathletin. Nicht gerne erinnert sie sich etwa an ihren ersten internationalen Auftritt bei der U20-EM vor drei Jahren, als die Nerven noch versagten: „Ich habe die Speere vor Aufregung einfach nur in den Himmel geworfen“, erzählt sie. Seitdem legt Fuchs großen Wert auf die Konzentration: „Jetzt habe ich meine Momente, wo ich vor dem Wettkampf einfach nur sitze und für drei Minuten alles um mich herum ausschalte.“

Studium neben dem Leistungssport

Auch abseits des Sports beschäftigt sich Fuchs in ihrem Psychologiestudium mit dem Thema. Dementsprechend vollgepackt sieht der Tag der Leichtathletin dann meistens aus: Vormittags und Abends Training, dazwischen geht es am Nachmittag regelmäßig in die Universität. „Zwischendurch habe ich sogar noch in einem Café gearbeitet“, fügt sie hinzu. Dass sie den Leistungssport noch mit anderen Tätigkeiten verbinden muss, sieht die 22-Jährige eher gelassen. „Natürlich ist es bei uns schwieriger, den Sport professionell ausüben zu können. Ich bin aber etwa bei der Sporthilfe, die uns gut unterstützt und habe ein Stipendium.“ Auch die Universität lasse sich gut mit den zeitintensiven Trainingstagen verbinden.

Geld verdienen könne man zudem auch mit Leichtathletik-Meetings, also Wettbewerben mit Preisgeld, sowie mit guter Social-Media-Arbeit, mit der man neue Sponsoren auf sich aufmerksam machen kann. „Das ist zwar gar nicht so mein Ding, aber so ist das heutzutage eben“, sagt Annika Fuchs. Um das Speerwerfen ins Rampenlicht zu bringen, sei schließlich auch die Öffentlichkeitsarbeit der Leichtathleten gefragt: „Geld kommt eben nun mal von Interesse. Deshalb müssen wir daran arbeiten, dass das Interesse für unsere Sportart größer wird, indem wir in der Öffentlichkeit auftreten“, so sieht es die Sportlerin.

Die Vorbereitung fast komplett verpasst

Überraschend ist der Saisonverlauf für Annika Fuchs aber vor allem auch, weil ihre Vorbereitung in dieser Saison alles andere als optimal lief. „Es fing schon damit an, dass ich im Winter erkältet war“, erzählt die ehemalige LCC-Leichtathletin, die unter anderem dadurch den Großteil des Kraftaufbautrainings vor dem Saisonstart verpasste. Und auch das Jahr 2019 fing mit einer Nierenbeckenentzündung denkbar schlecht an: „Ich hatte 41,3 Grad Fieber und musste ins Krankenhaus“, erinnert sich die Cottbuserin. Nach weiteren eineinhalb Monaten Zwangspause ging es schließlich direkt ins Trainingslager und danach in den Saisonstart. Ein Sprung ins kalte Wasser: „Man kann natürlich auch sagen, das war für die Regeneration gar nicht so schlecht“, sagt Fuchs im Rückblick. Ihre Hoffnung ist es dennoch, im nächsten Jahr die komplette Saisonvorbereitung mitmachen zu können.

Vorher steht aber mit der WM im September noch der unerwartete  Saisonhöhepunkt an. Der Austragungsort Doha, Hauptstadt von Katar, ist nicht nur für Annika Fuchs ungewohnt. „Ich bin gespannt, wie ich mit der Hitze klarkomme. Generell finde ich Wärme besser als Kälte, aber in Deutschland ist es natürlich noch einmal anders als dort“, sagt Fuchs.

Neuling bei der WM, Favoritin bei den Finals

Bei der Weltmeisterschaft sind auch die Anforderungen an die Sportler um einiges größer: Die 60 Meter, die Fuchs in diesem Jahr zum ersten Mal überwerfen konnte, sind bei der Weltmeisterschaft die Mindestweite für die Finalqualifikation. „Die WM ist natürlich noch einmal komplett was anderes“, weiß Annika Fuchs, die sich deshalb kleine Ziele setzt: „Absolut klasse wäre es schon, wenn wir es ins Finale schaffen. Alles andere ist Zugabe.“

Etwas anders sieht die Sache bei den deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende aus: Mit einem weiteren Wurf über die 60 Meter wäre sie hier auf Medaillenkurs. Gut möglich also, dass Annika Fuchs ihren Lauf noch fortsetzen kann.