Von Steven Wiesner

Es war in den 90ern und auch zu Beginn der Milleniumjahre kein Vergnügen für den deutschen Fußball-Adel, nach Cottbus reisen und im Stadion der Freundschaft Geyers Weiganden à la Melzig, Akrapovic und Beeck gegenübertreten zu müssen. Zumal die Betonung in diesem Zusammenhang wirklich auf „treten“ lag und die ohnehin schon bis in den kleinen Zeh mit Testosteron vollgepumpten Energie-Fußballer auch noch vom vorlauten Lausitzer Publikum angestachelt und für jede Grätsche angehimmelt wurden.

Mit einem ähnlichen Tollhaus empfängt heutzutage auch der Judo-Bundesligist vom KSC Asahi Spremberg seine Widersacher in der Lausitz. „Das kann man schon vergleichen, ja“, sagt Asahis Vereinschef Dirk Meyer. Während andernorts nur bis zu 100 Zuschauer in die Judo-Hallen pilgern, feuern in Neu Haidemühl im Schnitt 400 bis 500 Fans ihr Team an und machen die Spremberger Sporthalle somit nicht selten zu einem Hexenkessel. „Unsere Gegner sagen uns immer wieder, dass bei uns eine tolle und besondere Stimmung herrscht“, sagt Meyer. „Aber das macht es für sie natürlich auch so unangenehm.“

Auch an diesem Samstag (18 Uhr), wenn die Spremberger den amtierenden Deutschen Meister Hamburger JT zu Gast haben im dritten Saisonkampf, brauchen die Lausitzer diese besondere Stimmung, um überhaupt eine Chance zu haben. Denn von den sportlichen und finanziellen Möglichkeiten her bewegt sich Asahi im deutschen Judo-Oberhaus nach wie vor „ganz weit unten“, wie Meyer weiß. „Ich schätze mal, dass Hamburgs Etat dreimal so hoch ist wie unserer. Die haben schon 10 000 Euro für ausländische Kämpfer hingelegt – und bei uns gibt‘s halt ´ne Bockwurst und ein Bier“, sagt Meyer überspitzt.

Während die Hanseaten, die dreimal hintereinander Deutscher Meister geworden sind, mit der halben deutschen Nationalmannschaft und internationalen Güteklasse-Athleten auf der Matte stehen, „kennt unsere Kämpfer kaum jemand“. Also eigentlich genauso wie früher im Stadion der Freundschaft. Nur dass die Spremberger Helden nicht Melzig und Akrapovic heißen, sondern Bähr, Schaarschmidt und Niesecke.

„Aber unser Teamgeist ist enorm“, sagt Meyer. Und nur so gelingen auch mal kleine Sensationen wie der Einzelsieg vergangenes Jahr vom Spremberger Kapitän Oleg Ilts gegen Hamburgs Europameister Ferdinand Karapetian aus Armenien. Meyer: „Wir haben am Ende zwar 4:10 verloren – aber das Ding haben wir gefeiert wie einen Sieg.“

Kleine Teilerfolge und vielleicht sogar den ganz großen Coup peilt der KSC Asahi auch am Wochenende an. „Wir erwarten Hamburg mit der vollen Mannschaft. Trotzdem wollen wir gewinnen“, gibt der 1. Vorsitzende die Marschroute vor. Dieses Selbstverständnis haben die Lausitzer in ihrem mittlerweile dritten Bundesliga-Jahr. Ganz egal, wie der Gegner heißt. Diese furchtlose Herangehensweise hat sich auch beim ersten Heimkampf im März bezahlt gemacht, als man den Tabellenzweiten Hannover besiegte (9:5). Und die Tatsache, dass es schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison mit Witten nur noch ein Team ohne Verlustpunkt gibt, beweist, dass so gut wie jeder Gegner zu schlagen ist.

Nichtsdestotrotz ist alles, was über den Klassenerhalt hinaus erreicht wird, reiner Bonus in Spremberg. Anders als im ersten Bundesliga-Jahr vor zwei Jahren, als man als Überraschungsvierter sensationell in das Playoff-Viertelfinale einzog, macht sich Asahi keine Illusionen mehr, seitdem nur noch die beiden Erstplatzierten in die Finalrunde kommen. „Wir wollen die Großen ärgern und stänkern“, lautet deshalb das Spremberger Saisonziel. Und dabei mindestens Platz sechs erreichen, um nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Denn allzu viele Bundesliga-Vertreter hält die Lausitzer Sportlandschaft ja nicht mehr bereit. „Ansonsten kann der Deutsche Meister nur noch im Turnen in die Lausitz kommen“, sagt Meyer. Oder mit anderen Worten: Was das Stadion der Freundschaft Anfang der 2000er war, ist die Sporthalle Haidemühl im Jahr 2019. Ein Ort, an dem sich ein kleiner Sportverein aus der Lausitz gegen die Großen der Branche auflehnt.