Wenn am Samstag die 106. Tour de France beginnt, wird auch Roger Kluge im Sattel sitzen. Zum ersten Mal nach 2010 und 2014 wurde er wieder nominiert. Diesmal startet der 33-jährige Eisenhüttenstädter vom RK Endspurt Cottbus für das Team Lotto Soudal, wo er als Helfer für Sprintspezialist Caleb Ewan Tempo machen soll. Vor seiner dritten Frankreich-Rundfahrt spricht er über Zeitlimits, die Bedeutung der Champs-Élysées und einen möglichen Etappensieg.

Herr Kluge, 21 Etappen in drei Wochen mit 3480 Kilometern: Das klingt kaum vergnügungssteuerpflichtig. Haben Sie sich das gut überlegt mit Ihrer Teilnahme?

Kluge (lacht) Ja, sehr sogar. Ich warte seit fünf Jahren auf meinen nächsten Start bei der Tour. Wie viele Kilometer das am Ende sind, hat man gar nicht so im Hinterkopf. Aber wir entscheiden uns ja dafür und machen das auch gerne. Von daher habe ich keinen Bammel vor der Tour.

Die Tour wird auch als „Höllentour“ bezeichnet. Teilen Sie diese Ansicht?

Kluge Man kann bei jeder Grand-Tour durch die Hölle gehen. Selbst wenn man fit ist, leidet man. Und wenn dann noch Stürze oder Krankheiten dazukommen, wird es wirklich zur Hölle.

Die Frankreich-Rundfahrt hält etliche Gebirgsetappen und Anstiege verschiedener Kategorien bereit. Wo nehmen Sie die Kraft her, sich da jeden Tag aufs Neue rüberzuquälen? Haben Sie drei Wochen lang die Champs-Élysées vor den Augen?

Kluge Richtig. Die Champs-Élysées ist nicht die einzige, aber wahrscheinlich schon die größte Motivation, um bei der Tour durchzufahren und anzukommen. Beim Giro d’Italia gibt es leider keine Sprint­etappe am letzten Tag. Da fällt das Durchfahren schon schwerer, weil man weiß, man bekommt keine Chance mehr als Sprinter. Aber das ist das Schöne bei der Tour, dass man das immer vor Augen hat. Gerade in der letzten Woche, wo nochmal schwere Etappen kommen. Das ist genug Ansporn, um sich über mehrere Pässe zu quälen.

Sie haben die letzte Woche schon angesprochen. Die letzten drei Strecken vor dem Tour-Finale sind allesamt Gebirgsetappen.

Kluge Ja, aber so ist es eh und je. Die meisten schaffen es trotzdem rüber. Im vergangenen Jahr sind zum ersten Mal große Namen rausgeflogen aufgrund des Zeitlimits. Ich denke aber, da hat die Organisation auch ein bisschen draus gelernt, dass sie das Zeitlimit nicht ganz so kurz und knackig macht. Das bringt zwar Spannung für den Zuschauer, aber für uns ist das Limit manchmal zu kurz. Wir wollen jetzt keine fünf Stunden Zeit haben und eine Kaffeefahrt machen, aber wir müssen ja auch an den anderen Tagen kämpfen, um da reinzukommen. Und ab und zu wird das Zeitlimit dann schon falsch berechnet aufgrund der Kürze und Würze der Etappe (Erlaubt sind Rückstände auf den Sieger zwischen drei und 20 Prozent, je nach Schwere der Strecke und Durchschnittstempo, ansonsten erfolgt der Ausschluss; Anm.d.Red.).

Fürchten Sie das Zeitlimit?

Kluge Immer. Es gibt immer Tage, wo man denkt: Hoffentlich komme ich über den Pass noch rüber! Auch wenn die Berge in Italien noch steiler sind als in Frankreich. Wenn du erstmal abgehangen bist und den ganzen Tag alleine fährst, kommt man schon ins Schwitzen.

Ihre letzten Tour-Starts liegen schon ein paar Jahre zurück. Inwiefern hat sich die Radsport-Szene seither verändert? 2014, bei Ihrer letzten Teilnahme, gab es noch den Boykott der Öffentlich-Rechtlichen.

Kluge Ja, das Medieninteresse ist Gott sei Dank wieder zurück. Wir haben in diesem Jahr keine Fußball-WM mehr, von daher wird der Juli diesmal hoffentlich allein dem Radsport gewidmet.

Nicht selten wird im Ziel mit den Ellenbogen gearbeitet. Muss man als Radprofi auch böse sein?

Kluge Ich habe neulich eine Ansage von meinem Kapitän bekommen, dass ich etwas mehr riskieren und die Ellenbogen ausfahren soll. Solange alles fair bleibt, habe ich damit kein Problem. Aber ich bin schon ruhiger geworden nach ein paar Stürzen und der Geburt meiner Tochter. Caleb ist noch jung, aber vielleicht wird er auch ruhiger, jetzt wo er Papa geworden ist. (lacht)

Ihr Auftrag besteht darin, Caleb Ewan bei den Sprintankünften in Position zu bringen. Das heißt aber auch, dass Sie sich selbst erstmal über mehrere 100 Kilometer immer wieder in Position bringen müssen. Wie anspruchsvoll ist dieser Job?

Kluge Nicht mehr so anstrengend wie 2010. Ich habe mich entwickelt und bin stärker geworden. Da kommt einfach eine Menge Erfahrung hinzu, dass man weiß: Wann, wie und wo fahre ich nach vorne.

Wie viel Spielraum und Entscheidungsgewalt haben Sie als einzelner Fahrer in einem durchexerzierten Taktik-Korsett Ihres Teams, um auch mal etwas Unorthodoxes zu machen und auszureißen?

Kluge Gefangen ist man nicht in diesem Korsett. Aber es ist einfach mein Job, auf den Sprintetappen 100 Prozent für Caleb zu fahren. Was vor drei Jahren beim Giro passiert ist, kann mal passieren, aber es wird nicht geplant. Wenn mein Kapitän auf dem letzten Kilometer einen platten Reifen kriegen sollte, brauche ich mit ihm auch kein Rad mehr wechseln, und könnte sagen, dann versuche ich mal irgendwas. Aber das wird dann alles aus der Situation heraus entschieden.

Beim Giro d’Italia haben Sie 2016 eine Etappe gewonnen. Wird es Zeit, sich diesen Kindheitstraum auch in Frankreich zu erfüllen?

Kluge Klar, davon und vom Tour-Sieg sprechen viele schon als Kind. Das habe ich auch gemacht, als ich zehn Jahre alt war und ‚Ulle‘ (Jan Ullrich; Anm.d.Red.) die Tour gewonnen hat. Jetzt weiß ich, dass es einfach nicht möglich ist. Aber klar, wenn ich es unterschreiben könnte, würde ich einen Sieg bei der Tour nochmal mitnehmen.

Mit Roger Kluge
sprach Steven Wiesner