Von Jan Lehmann

Die letzten Meter tun immer weh, ob im Training oder im Wettkampf. Die Cottbuser Sprinterin Skadi Schier sagt: „Ich weiß vor jedem Rennen, dass ich am Ende sterben werde. Aber dort muss ich die entscheidenden Schritte machen.“ Die nächsten entscheidenden Schritte stehen der 19-Jährigen vom LC Cottbus am Wochenende bevor. Bei der Junioren-Gala in Mannheim geht es für Schier und ihre Vereinskollegin Marie ­Scheppan um die Qualifikation für die U20-EM im Juli in Schweden.

Die Ausgangspositionen sind unterschiedlich: Während 400-Meter-Läuferin Scheppan die Normzeit schon gelaufen ist, kämpft Skadi Schier mit ihrer Form. Sie sagt selbstkritisch: „Zurzeit läuft es zwar im Training – aber nicht in den Wettkämpfen.“ Marie Scheppan mosert ebenfalls etwas mit ihren Leistungen: „Ich bin hinten raus nicht mehr so stark wie in der vergangenen Saison. Zurzeit stagniere ich etwas.“

2018 war Scheppan der Shootingstar der Cottbuser Leichtathletik: Ihr Silberlauf bei den Olympischen Jugendspielen in Argentinien hatte den LC Cottbus endlich mal wieder auf die große Landkarte der Leichtathletik gebracht. Bis auf die Erfolge von Hindernis-Europameisterin Antje Möldner-Schmidt hatte die Cottbuser Traditionssportart in den vergangenen Jahren nur wenige internationale Erfolge zu verzeichnen.

Inzwischen gibt es eine positive Entwicklung. Skadi Schier und Marie Scheppan gehören beim LCC zu den neuen Hoffnungsträgern, die im Windschatten der Club-Geschichte zu neuen Erfolgen laufen könnten. Wenn sie nämlich gemeinsam mit der Hindernisläuferin Blanka Dörfel im Leichtathletik-Stadion auf die Bahn gehen, werden Erinnerungen wach: an schnelle Cottbuser Olympia-Heldinnen wie die beiden Weltklasse-Mittelstreckenläuferinnen Gunhild Hoffmeister (1972 Olympia-Silber über 1500 Meter und Bronze über 800 Meter, 1976 Silber über 1500 Meter), Ulrike Bruns-­Klapezynski (Olympia-Bronze 1976 über 1500 Meter) oder an Sprinterin Gloria Siebert (Olympia-Silber 1988 über 100 Meter Hürden).

LCC-Vizepräsident Ulrich Hobeck freut sich: „Es ist schön, dass wir inzwischen wieder so viele Talente haben. Vielleicht schafft es eine der Sportlerinnen, in diese großen Fußstapfen zu treten.“

Blanka Dörfel könnte in diese Fußstapfen passen, auch wenn das 41 Kilogramm schwere Leichtgewicht vergleichsweise kleine Füße hat. Doch darauf läuft die 17-Jährige derzeit von einer tollen Zeit zur nächsten. Sie muss gar nicht mehr in Mannheim antreten, sondern hat sich schon vergangene Woche in Duisburg mit neuer europäischer Jahresbestzeit für die Europäischen Olympischen Jugendspiele in Baku (Aserbaidschan) qualifiziert. Ihr Trainer Rainer Kruk berichtet: „Sie ist eine so engagierte Sportlerin, sie muss ich eher bremsen.“ Überhaupt hat der Lehrertrainer von der Lausitzer Sportschule im Blick, dass er das Training richtig dosiert. Deswegen sieht er auch die derzeitige Leistungskurve bei Marie Scheppan als logisch an. Er sagt: „Es wäre kein Problem, die Belastung jetzt nach oben zu schrauben – aber das ist nicht zielführend. Wir müssen behutsam mit den jungen Sportlern umgehen, um ihre Leistungen langfristig stabil zu verbessern.“

Das Ziel für Scheppan ist klar definiert: 2024 und 2028 soll sie den LC Cottbus bei den Olympischen Spielen vertreten. Dass sie jetzt schon in das brandenburgische „Team Tokio 2020“ berufen worden ist, wird als Zwischenschritt angesehen. Jetzt ist erst einmal die U20-EM das Ziel, in Mannheim gilt es.

Und die Talente bei den Cottbuser Männern? Da hängt es derzeit ein bisschen: Artur Beimler humpelt für den RUNDSCHAU-Fototermin an Krücken ins Leichtathletikstadion. Der 1500-Meter-Läufer musste am Meniskus operiert werden. 800-Meter-Mann Constantin Schulz kämpft derweil schweißüberströmt gegen den Trainingsrückstand. Ein Muskelfaserriss im Trainingslager in Südafrika hat ihn aus dem Rhythmus gebracht. Die U23-EM ist für ihn kein Thema mehr. Schulz nimmt nun die Deutschen Meisterschaften im August in Berlin ins Visier.

Für ihn gilt das Gleiche wie für alle fünf Talente beim LC Cottbus: Für einen Platz in der ruhmreichen Vereinshistorie muss er noch die entscheidenden Schritte machen – auch wenn die letzten Meter ga­rantiert weh tun werden.