Auf langen Wandregalen glänzen in der Gaststube des KSV Borussia 55 Welzow Pokale, teils rustikal wie Bierhumpen, andere zierlich wie Kelche. Künstliche Frühlingssträuße blühen auf Tischsets, aus dem Radio plätschert Matthias Reims “Verdammt ich lieb dich„. Da bollert es plötzlich im Hintergrund, als habe jemand eine schwere Kanonenkugel zum Rollen gebracht.

Nebenan, hinter einer Plexiglasscheibe, drehen sich Kugeln rasend schnell um die eigene Achse. Sie sehen aus wie überdimensionale Schokolinsen, sausen auf Kegel zu, schlagen krachend ein, verschwinden in einem schwarzen Loch. Heike Roick beobachtet das Spiel aus der Gaststube. Sie ist auffallend schlank, enge Röhrenjeans betonen die zierlichen Beine. Ein zurückhaltendes Lächeln spielt um Roicks Lippen, als sich auf der Kegelbahn zwei Kinder über ihre Treffer freuen.

“Kegeln ist mein Sport, mein Leben„, sagt die 41-Jährige. Was klingt wie eine Phrase, ist die Geschichte einer Kegelfamilie: Die der Roicks. Mit acht steht Heike zum ersten Mal auf der Bahn. Die Eltern im Rücken schwingt das Kind eine schwere Kugel zwischen den Beinen, visiert den vordersten Kegel am Ende einer spiegelglatten Strecke an. Dann lässt sie los, die Kugel rollt, bollert, schlägt ein. Dieses Geräusch begleitet Roick seither durch ihr Leben. Fast die gesamte Freizeit findet mit Eltern und Geschwistern auf einer Bahn im sächsischen Lauta statt, wo sie aufwächst.

Automaten, die wie Marionettenspieler die ebenholzfarbenen Kegel wieder aufrichten, gibt es hier noch nicht. Ein Glücksfall für das Mädchen: Ein Abend Kegeldienst - sorgsam stellt Heike die Figuren nach jeder Runde der Erwachsenen erneut im Dreieck auf - bringt zwei Mark. Pro Woche verdient sie sich so knapp 20 Mark, kauft schließlich ein lang ersehntes Fahrrad. Aber nicht mal das vermag den Kegelsport zu verdrängen. Während andere Kinder ihre Hobbys wechseln, vom Reiten zum Ballett, von der Geige zum Klavier, trainiert Roick mit der glatten Kugel.

Mittlerweile kegelt die Objektleiterin eines Reinigungsbetriebs seit 33 Jahren und hat auch ihre Tochter zu dem Sport gebracht. “Ich brauche das als Ausgleich zum Job, zur Familie„, sagt Roick. “Ohne geht es nicht, sonst kribbelt es in den Fingern.„ 1991 ist sie nach Welzow gezogen. Mit der Damenmannschaft des KSV Borussia 55 kämpft Roick derzeit in der zweiten Bundesliga um den Klassenerhalt. Wird der Sport nach all der Zeit nicht mal langweilig? “Auf keinen Fall!„, sagt Heike Roick entrüstet. Ihr Trainingsziel ist, einfach immer gut zu spielen, keine schlechten Tage zuzulassen.

Roick lächelt verhalten. Ihre kontrollierte Art kommt dem Sport zugute: Nervenstärke ist auf der Bahn wichtig. Konzen tration, die Hand muss gerade, stabil sein. Ihr bestes Ergebnis, stolze 486 Kegel, hat Heike Roick im vergangenen Jahr erzielt. Das hat ihr den Titel “Sportlerin der Woche„ bei der RUNDSCHAU eingebracht. Das Gesicht der 41-Jährigen entspannt sich, als sie daran denkt, obwohl es nebenan weiterhin ohne Unterlass bollert. Dass manche Menschen meinen, Kegeln wäre nur was für Kindergeburtstage, hat Heike Roick schon immer geärgert. Die Wahl als Sportlerin der Woche hat sie in ihrer Leidenschaft bestärkt: “Die Leute haben damit gezeigt, dass Kegeln kein Larifarisport ist.„

“Spitzenreiter-Außenseiter„: www.lr-online.de/

spi tzenreiter. Am nächsten Samstag schießen in Großkoschen Räder Tore.

Heike Roick, wieso Kegeln und nicht Fußball?

Weil Fußball überhaupt keinen Spaß macht. Obwohl ich FCE-Fan bin. Aber Kegeln ist für mich einfach der beste sportliche Ausgleich zu Job und Familie.

Ist der Sport populär, insbesondere in der Lausitz?

In der Lausitz gibt es viele Kegelvereine, zum Beispiel spielt Senftenberg in der dritten Liga, in Cottbus und Elsterwerda gibt es auch Mannschaften.

Welche Tipps haben Sie für Neueinsteiger?

Spaß, Freude, Lust. Von klein auf bis ins hohe Alter kann man noch mit dem Kegeln anfangen. Außer der Motivation braucht man gar nichts mitzubringen - alles andere kann man lernen.

Zum Thema:

Beim Classic Kegeln hat jeder Sportler 100 Wurf, aufgeteilt in zwei Runden. Zunächst versucht er, in die Vollen so viele Kegel wie möglich zu treffen. Anschließend kann er mit weiteren Würfen einzelne Kegel abräumen.