Herr Heinevetter, was bringt einen dazu, Handball-Torwart zu werden? Oder anders gefragt: Wie verrückt muss man sein, um sich Bälle mit 120 Stundenkilometern um die Ohren hauen zu lassen?

Heinevetter In der Jugend war irgendwann der Faktor „weniger laufen“ nicht uninteressant. (lacht) Nein, im Ernst. Es macht Spaß. Mit dem weniger Laufen ist jetzt in der Vorbereitung auch Schluss.

Trotzdem hört man immer wieder Leute, die sagen: „Ich würde mich nie im Leben in dieses Tor stellen.“

Heinevetter Das ist immer Ansichtssache. Für mich ist es viel verrückter, als Kreisläufer zu agieren. Da kriegst du wirklich 60 Minuten Schläge, Tritte, Fäuste und Ellenbogen ab. Davor habe ich Respekt.

Sie sind ein Sportler, der polarisiert und auf der Platte sehr emotional unterwegs ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat mal über Sie geschrieben: „Heinevetter hüpft auf allen Vieren wie ein tollwütiger Marder auf dem Parkett herum, nur um Sekunden später schon wieder in seinem Tor zu sitzen, als nehme er gerade ein Erkältungsbad.“ Fühlen Sie sich damit gut beschrieben?

Heinevetter Ach naja, irgendwann wird man auch immun dagegen, was die Leute über einen denken. Aber das beschreibt es trotzdem ganz gut. Es ist ja eigentlich nur eine andere Formulierung für Anspannung und Entspannung, und genauso ist es. Man kann sich ärgern, muss in der Situation heiß sein, aber danach auch wieder den Fokus richten auf die nächsten Aktionen, egal ob es ein Tor war oder eine Parade.

Und ein Silvio Heinevetter, der nicht auch mal seine Gegenspieler provoziert, wäre ja auch langweilig, oder?

Heinevetter Provozieren ist ein falsches Wort. Das ist für mich ganz normal und auch das Schöne am Handball. Da kriegst du 60 Minuten eine auf die Nuss, aber nach dem Spiel ist das sofort ad acta gelegt. Da gibt es keine zwei Mannschaften mehr, sondern nur noch eine Gruppe von Handballern. Da ist Handball ein sehr ehrlicher Sport.

Stimmt es eigentlich, dass
Oliver Kahn ihr Vorbild war?

Heinevetter Naja, nicht so richtig. Handballerisch war es schon Wieland Schmidt. Aber klar, Olli Kahn war jemand, der auch polarisiert hat und das ist ja meistens nichts Schlechtes. Ich werde lieber gehasst oder geliebt, anstatt egal zu sein.

Sie sind seit 2009 bei den Füchsen und das Gesicht des Vereins. Ihr zehntes Jahr aber wird nun gleichzeitig auch Ihr letztes, bevor Sie kommenden Sommer zur MT Melsungen wechseln. Haben Sie sich dafür besonders viel vorgenommen?

Heinevetter Es ist eigentlich wie jedes Jahr. Erstmal die Vorbereitung überleben und ohne Verletzungen rausgehen. Und wenn wir nicht zu viele verletzungsbedingte Ausfälle kompensieren müssen, haben wir auch eine Mannschaft, die überall gewinnen kann und will.

Sie haben schon eine ganze Menge gewonnen. Was fehlt in Ihrer Titelsammlung, sind die Deutsche Meisterschaft oder die Champions League. Sind Sie trotzdem vollkommen im Reinen mit sich und Ihrer bisherigen Karriere?

Heinevetter Natürlich willst du sowas gewinnen. Aber man muss immer die Gegebenheiten sehen. Man kann nach Kiel oder woandershin wechseln, wo es verhältnismäßig einfacher ist, Meister zu werden. Ich will damit nicht sagen, dass es leicht ist. Im Gegenteil. Aber die Wahrscheinlichkeit, Meister zu werden, ist dort schon größer. Ich habe mir halt einen anderen Weg ausgesucht und bin damit ganz glücklich.

Das waren vor ein paar Wochen auch die Fußballer von Union Berlin nach ihrem Bundesliga-Aufstieg. Sie waren beim Relegationsspiel gegen Stuttgart ebenfalls im Stadion und haben auf dem Rasen mit den Spielern gefeiert.

Heinevetter Ja, ich bin immer da, wenn ich Zeit habe. Bei Union macht es schon Spaß. Verein und Fans sind elektrisierend. Beim Aufstieg gegen Stuttgart mittendrin zu sein, war schon richtig schick.

Glauben Sie, dass Union eine Chance hat in der Bundesliga?

Heinevetter Sie sind klarer Außenseiter, aber sie haben sich auf jeden Fall ein bisschen Routine eingekauft. Das ist nicht verkehrt für die Erste Liga. Union wird viele Mannschaften ärgern, und ich glaube, so wie die Stimmung im Stadion ist, wird es auch bei Niederlagen nie schlechte Laune geben.

Vor allem während großen Handball-Turnieren will einem jeder zweite Meinungsbeitrag erklären, was der Fußball vom Handball lernen kann und warum Letzterer doch eigentlich der viel bessere Sport ist. Nervt Sie das eigentlich selbst als Handballer?

Heinevetter Es ist immer gut, mal über den Tellerrand hinauszugucken und mal was von anderen Sportarten zu übernehmen. Aber solche Vergleiche zu ziehen, ist immer extrem schwierig. Es ist einfach sehr plakativ. Und solange die Leute es zahlen, kann man den Fußballern auch keine Vorwürfe machen, dass sie so viel verdienen. Aber diese ganzen Vergleiche helfen dem Handball am Ende nicht weiter.

Mit Silvio Heinevetter
sprach Steven Wiesner