„Achtet bitte darauf, dass die Schuhe nicht zu eng sind. Vorne muss noch ein bisschen Platz sein“, sagt Jean Rieger, während er hinter einem Tresen Schuhe austeilt. Jean Rieger ist nicht etwa Schuhfachverkäufer, sondern Bowler und Betreiber des Bowlingcenters „Familybowling“ in Eisenhüttenstadt. Auf seinen turniertauglichen Bahnen, trainieren regelmäßig regionale Vereine, unter anderm auch der erste Bowlingverein Guben. Der freundliche Hinweis richtet sich heute allerdings nicht, an die erfahrenen Bowler, sondern an die Kegler des ESV Lok Guben. Sechs Kegler und sechs Bowler stellen sich dem RUNDSCHAU-Duell und spielen in beiden Sportarten gegeneinander.

Auf den ersten Blick scheinen sich beide Sportarten nur unwesentlich zu unterscheiden – es gibt eine Bahn an deren Ende ein paar Holzkegel stehen und eine schwere Kugel, um sie umzustoßen. Da fangen die Unterschiede bereits an. „Wir spielen mit einem Ball und wer den Bowling-Ball Kugel nennt, muss damit rechnen, dass er von jedem Bowler verbessert wird“, sagt der Vereinsvorsitzende des Gubener Bowlingvereins Lars Krüger freundlich aber dennoch mit Nachdruck. Mit Kugeln spielen die Kegler, die traditionell auch keine Fingerlöcher haben. „Wir können ja für die Kegler die Löcher zustopfen, vielleicht fällt ihnen das Bowlen dann leichter“, witzelt Bowlingspieler Uwe Neumann vor der Partie. Die Unterschiede und Schwierigkeiten der beiden Disziplinen werden sich im Laufe des Turniers noch zeigen, denn wenngleich Bowling und Kegeln artverwandt sind, so handelt es sich um zwei völlig verschiedene Sportarten. Darin sind sich alle Beteiligten einig.

Ende des 19. Jahrhunderts haben deutsche und holländische Einwanderer das Kegelspiel in die USA gebracht. Da die ersten Kegelturniere häufig um Geld abgehalten wurde und aufgrund eines übermäßigen Alkoholkonsums regelmäßig in Schlägereien ausarteten, wurde Kegeln schon bald verboten. Da man aber dennoch nicht auf das beliebte Gesellschaftspiel verzichten wollte, entwickelten die Amerikaner eine Alternative. Aus neun Kegeln wurden zehn Pins, die als Dreieck und nicht als Raute aufgestellt wurden und die Kugel wurde zum Ball mit drei Löchern. „Bowling ist sozusagen aus der Not heraus entstanden und kam dann wieder zurück nach Europa“, ergänzt Lars Krüger.

Trotzdem sich Bowling als Freizeitsport in der Allgemeinheit größerer Beliebtheit erfreut, ist das traditionelle Kegeln im deutschen Raum noch immer gefragter. „Bowlingvereine müssen vor allem in Brandenburg ums Überleben kämpfen, deswegen sind wir auch dem Kegelverband untergeordnet“, sagt Lars Krüger. Um den Nachwuchs für Bowling zu gewinnen, trainiert Lars Krüger jeden Freitag ab 17 Uhr Kinder in Eisenhüttenstadt. Ab zehn Jahren kann mit dem Training begonnen werden.

Die Frage welche Sportart nun komplizierter sei, kann keiner pauschal beantworten. „Das ist eine Geschmacksfrage. Einige mögen die kleineren Kugeln beim Kegeln und andere schätzen die Bälle mit den Löchern mehr“, sagt Uwe Neumann. Das kann auch Roland Ziersch, Vereinsvorsitzender des ESV Lok Guben bestätigen. „Auch wenn Kegeln mein Sport ist, finde ich Bowling etwas einfacher. Durch die Löcher hat man einen besseren Halt und hat mehr Kontrolle über das Spiel“, sagt der Kegler. Bei einem Blick auf die Bahnen fällt auf, dass beide Teams ähnlich professionell bowlen. „Ich hätte nicht gedacht, dass die Kegler so gut sind“, staunt Lars Krüger. „Ich schon“, kontert Uwe Neumann. „Die Kegler sind es in ihrem Spiel gewohnt die Kugel gerade zu spielen. Das können sie sehr gut und wenden das natürlich im Bowling auch so an“, sagt er. Für gewöhnlich wird der Ball im Bowling leicht angedreht und auf die Gasse zwischen dem ersten und dem zweiten Pin gespielt. „Die Kegler spielen so zwar nicht, aber das ist auch nicht wichtig. Mit dem richtigen Winkel und der richtigen Geschwindigkeit kann man trotzdem alles umhauen“, sagt Uwe Neumann anerkennend.

Die Gubener Kegler lassen sich im Duell nicht unterbuttern, wie auch Bahnbetreiber Jean Rieger findet: „Ich bin sehr überrascht. Die Kegler verkaufen sich wirklich teuer und machen es unseren Bowlern echt schwer“. Nach rund 45 Minuten Spielzeit sind die Bowler den Keglern nur um rund 50 Pins voraus. Das gute Zusammenspiel resultiert aus einem soliden Teamwork, das auch von Jean Rieger, der beim Duell als Moderator fungiert, gestützt wird. „Liebe Kegelfreunde, achtet bitte auch auf die Punkte und Pfeile auf der Bahn, die sollen euch auch beim Wurf helfen“, ertönt es per Mikrofon aus dem Hintergrund. Die Tipps werden dankbar angenommen und bei genauerem Hinsehen auch immer besser umgesetzt. „Es stimmt, dass sich die Bälle anders drehen als unsere Kugeln. Aber das macht mir nichts aus. Daran gewöhnt man sich schnell“, sagt Kegler Ronny Wotta. „Solange sie nicht vergessen den Daumen aus dem Loch zu ziehen, ist alles gut“, scherzt Uwe Neumann. Das Bowlingduell endet mit einem Sieg von 3199:2570 für die Gubener Bowler. „Die Kegler haben sehr ruhig und bedacht gespielt. Sie sind mit der nötigen Ernsthaftigkeit an unseren Sport gegangen und haben eine tolle Leistung gebracht“, fasst Jean Rieger zusammen. „Das wird noch sehr spannend werden, wenn wir gleich kegeln müssen“, sagt Lars Krüger mit einem Schmunzeln.

Eine Stunde später empfängt der ESV Lok Guben die Bowlinggäste auf seiner hauseigenen Kegelbahn. Angestachelt von der überraschend guten Leistung der Kegler, machen sich die Bowler mit der neuen Sportumgebung vertraut, inspezieren die Bahnen und die Kugeln. „Ich muss mich erstmal mir meinem Ball vertraut machen“, sagt die Bowlerin Doris Gaßmann. „Bei uns heißt es Kugel“, kommt es sofort aus der Runde der Kegler. Die Kegelkugel ist 2800 Gramm schwer und wird über eine gewachste Bahn gespielt. Nach den ersten Probewürfen wird den Bowlern die Herausforderung des Abends klar. „Ohje, das ist nicht mein Sport“, gibt Bowler Lars Irrgang zu. Auch das Regelwerk und die Klärung der Spielweise sorgen für Diskussionsbedarf. Jeder Kegler tritt einmal gegen den Gegner an und hat insgesamt 30 Würfe hintereinander zu spielen. „Gezählt wird nur das was umfällt. Strikes und Spares haben wir nicht und sie werden auch nicht gesondert gewertet“, erklärt Roland Ziersch.

Die fehlenden Fingerlöcher scheinen den Bowlern die größten Probleme zu bereiten. „Diese Kugel macht einfach nicht das was ich will“, beklagt sich Chris Olzog. „Du darfst die Kugel beim Wurf nicht drehen. Die Hand muss gerade sein“, lenkt Roland Ziersch helfend ein. Während das Abräumen auf der Bowlingbahn die Regel war, kommt dies beim Kegeln längst nicht so häufig vor. Alle beteiligten Sportler fiebern mit Spannung dem Neunerwurf-Klingeln entgegen. Umso größer sind Anfeuerungsrufe und Jubelschreie, wenn doch mal alle Neune durch die Bowler abgeräumt wurden.

Die Bowler spielen bedacht und hochkonzentriert. Nach knapp 25 Würfen ist bei Chris Olzog endlich der Knoten geplatzt. „Man muss sich fast gar nicht bewegen. Ich hab nur dagestanden“, freut sich Chris Olzog. Aber dieser Ball ist trotzdem zu klein“, fügt er kristisch hinzu. „Dann mach mal lieber Kugelstoßen. Vielleicht bist du dann besser“, neckt Vereinskollege Uwe Neumann.

„Ich werde morgen Muskelkater haben“, sagt Doris Gaßmann. Die amtierende Landesmeisterin im Bowling hat an diesem Abend zum ersten Mal gekegelt. „Das hat wirklich Spaß gemacht, ist aber viel anstrengender als Bowling. Dadurch, dass man 30 Würfe hintereinander macht, geht das ganz schön aufs Handgelenk“, sagt die Bowlerin. Nichtsdestotrotz hatten Alle viel Spaß beim Doppelturnier. Mit 951:675 Punkten siegen die Kegler gegen die Bowler. „Das ist eine gute Leistung. Sie haben toll gespielt“, lobt Roland Ziersch. Beendet wird das Turnier mit einem dreifachen „Gut Holz!“ und dem beidseitigen Versprechen, die lehrreiche Partie bald zu wiederholen.