Von Steven Wiesner

Selbst eine Reifenpanne hat ihm letztlich nicht dazwischengrätschen können. Tony Martin rettete am Freitagabend bei den Deutschen Zeitfahr-Meisterschaften in Spremberg auf der 35-Kilometer-Strecke trotz eines Defekts am Hinterreifen und der Tatsache, dass er auf ein Ersatzrad umsteigen musste, einen 18-Sekunden-Vorsprung ins Ziel. So konnte sich der 34-Jährige bereits über seinen neunten Deutschen Meistertitel im Kampf gegen die Uhr freuen. Auch für einen viermaligen Einzelzeitfahr-Weltmeister „ist ein Deutscher Meistertitel immer eine besondere Ehre“, sagte Tony Martin im Ziel gegenüber dem MDR.

Für den gebürtigen Cottbuser war der Freitag aber nicht nur ein gelungener Ausflug in heimische Lausitzer Gefilde, sondern auch die Bestätigung seiner guten Form eine Woche vor dem Saisonhöhepunkt. Denn am Samstag rollen die besten Radfahrer der Welt bei der Tour de France los – und Tony Martin rollt mit. „Ich freue mich. Bei der Auftakt­etappe in Brüssel wird Ausnahmezustand herrschen“, sagt Martin vor seiner elften Tour-Teilnahme.

Erstmals wird Tony Martin dabei für das niederländische Team Jumbo-Visma in die Pedalen treten. Im Vorjahr fuhr er noch für den Schweizer Rennstahl Katusha Alpecin, den er im September nach nur einer Saison wieder verlassen hatte. „Ich fühle mich sehr wohl in meinem Team, es ist sehr familiär“, sagt Tony Martin. „Es ist ein sehr junges Team, wo ich meine Erfahrung miteinbringen kann.“ Doch muss der Straßenspezialist dafür nicht nur neue Abläufe, sondern auch Vokabeln lernen. Martin: „Ich bin dabei, mein Niederländisch zu verbessern, damit ich mich noch besser integrieren kann. Das ist meine Baustelle zurzeit.“

Tour-Teufel und Champs-Élysées wird Tony Martin in diesem Jahr allerdings ohne seine deutschen Kollegen John Degenkolb und Marcel Kittel begegnen. Die einstigen Spitzenfahrer bleiben der Tour de France in diesem Sommer fern. „Wir sind als Nation deswegen aber nicht schlechter als in den vergangenen Jahren. Es kommen neue Asse nach“, sagt Martin und denkt dabei vor allem an Maximilian Schachmann. Der 25-jährige Berliner gewann am Sonntag auch die Deutsche Straßenmeisterschaft auf dem Sachsenring. Roger Kluge (33) vom RK Endspurt Cottbus – und am kommenden Wochenende ebenfalls Tour-de-France-Starter – fuhr auf dem 180-Kilometer-Kurs als Achter über die Ziellinie.

Die diesjährige Frankreich-Rundfahrt ist aber nicht nur wegen der Abstinenz von Degenkolb und Kittel eine Besondere, sondern auch wegen eines edlen Kleidungsstückes. So feiert die Tour de France nun 100 Jahre Gelbes Trikot. Das ehrwürdige und sagenumwobene „Maillot Jaune“, das den jeweiligen Gesamtführenden während der Tour schmückt, wurde 1919 zum ersten Mal ausgehändigt. 15 deutsche Fahrer konnten es seither überstreifen – der Letzte hieß Tony Martin im Jahr 2015. Der Cottbuser weiß also um die Bedeutung der Garderobe. „Das Gelbe Trikot ist das größte Symbol, das wir im Radsport haben, und das Größte, was man erreichen kann“, sagt Martin. „Es ist eine unglaubliche Ehre, mit dem Trikot durch Frankreich zu fahren.“

Ob ihm die Ehre in diesem Jahr wieder zuteil werden kann, bleibt aber abzuwarten. Auf seine Angriffslust angesprochen, antwortet Tony Martin: „Meine Aufgabe besteht darin, Ausreißergruppen zu kontrollieren und zurückzuholen. Ich bin also eher der Mann fürs Grobe.“ Nicht umsonst hat er sich in der Szene irgendwann mal den Spitznamen „Panzerwagen“ verdient. Eigene Ausreißversuche schließt er dagegen fast schon kategorisch aus: „Den Zahn muss ich euch gleich ziehen. Dafür haben wir andere Spezialisten im Team.“ Aber: Gelb wird Tony Martin bei dieser Tour so oder so tragen. Es ist nämlich auch die Farbe seines neuen Arbeitsgebers Jumbo.