von Julian Münz

Chemnitz, Leipzig, Bautzen – und Neustadt an der Spree: Mit dem Aufstieg des LSV Neustadt spielt der etwa 370 Einwohner große Ort an der sächsisch-brandenburgischen Grenze zumindest fußballerisch in einer Liga mit den großen Städten des Freistaates. Denn der in Neustadt/Spree ansässige LSV hat nach seinem zweiten Meistertitel in Folge nun auch den Aufstieg in Anspruch genommen und tritt in diesem Jahr zum ersten Mal in seiner Geschichte in der Sachsenliga an.

Abgänge wegen Schule und Hausbau

Fred Kölzow, der sportliche Leiter der Neustädter, hat in diesen Tagen viel zu tun. Wenn er von der kommenden Saison spricht, unterscheiden sich seine Worte kaum von denen eines profilierten Bundesliga-Managers. Mit der Kaderplanung habe man etwa schon im Mai begonnen, erklärt er. „Wir wollten uns auch in der Breite verstärken“, so Kölzow. Erst weitere Erklärungen zeigen, dass es beim LSV Neustadt immer noch vorrangig um die Bewältigung klassischer Amateurfußballprobleme geht: „Wir haben zwei Abgänge, einer wegen Schule und einer wegen Hausbau“, erzählt der 58-Jährige. Dazu stehen weiterhin viele Schichtarbeiter im Team, die nicht zu jedem Auswärtsspiel anreisen könnten. „Dann kann es öfter vorkommen, dass wir bei der Aufstellung Probleme haben“, weiß der sportliche Leiter des LSV.

Schon dies zeigt, dass der Aufstieg in die Sachsenliga keine Selbstverständlichkeit ist für den Verein aus dem Spreetaler Ortsteil. Vor einem Jahrzehnt wurde hier noch in der zehntklassigen Stadtliga Hoyerswerda gespielt, Gäste waren damals die Vereine aus den umliegenden Dörfern. Nach mehreren Aufstiegen in den 2010er Jahren sicherte sich der LSV Neustadt/Spree schließlich schon im letzten Jahr den Meistertiel in der Landesklasse Ost, der zum Aufstieg in die Sachsenliga berechtigt. Damals verzichtete der Verein jedoch noch auf den Gang in die sechste Liga. „Es fehlte noch das Umfeld, um den Sprung zu schaffen“, erzählt Fred Kölzow. Vor allem für die Spieler sei diese Entscheidung nicht leicht gewesen. „Wir haben gesagt, wenn wir in der nächsten Saison alles gebacken bekommen, gehen wir es an“, so Kölzow.

Dominante Titelverteidigung in der Landesklasse

Die Mannschaft zog mit und beseitigte in der vergangenen Saison die letzten Zweifel am sportlichen Verdienst: Fast ohne Widerstände marschierte der LSV in der letzten Saison durch die Landesklasse Ost und sicherte sich mit einem standesgemäßen 3:0 gegen den SC Borea Dresden Mitte Juni erneut die Meisterschaft. Am Ende standen 61 Punkte aus 26 Spielen auf dem Konto der Lausitzer, nur ein Spiel ging verloren und die Mannschaft stellte sowohl den besten Sturm als auch die beste Abwehr der Liga.

„Wir waren vor allem in der Offensive sehr stark“, erklärt Kölzow die Dominanz des Landesklassen-Meisters. Noch immer hadert er ein wenig mit der einzigen Niederlage der Saison, die der LSV am Ende der Hinrunde kassierte – mit 2:3 verlor man Anfang Dezember gegen den späteren Absteiger SV Oberland Spree. „Das war eben eine Kopfsache“, sagt Kölzow, „je besser du bist, umso schwerer ist es, die Mannschaft zu motivieren.“

Motivation gibt es dieses Jahr genug: Mit dem FSV Budissa Bautzen wartet in der Sachsenliga etwa ein Gegner auf die Neustädter, der vor zwei Jahren noch mit dem FC Energie Cottbus in einer Liga spielte. Gleich am 1. Spieltag kommt es zum Duell David gegen Goliath: „Das ist ein Highlight gleich zum Start – und natürlich auch ein Gradmesser“, sagt Kölzow. Daneben zählt er die Derbys gegen Einheit Kamenz oder Niesky zu den Höhepunkten der kommenden Saison.

Drei Punkte Rückstand schon vor Saisonstart

Doch schon jetzt zeigt sich, wie groß der Sprung in die Sachsenliga für den Verein aus dem 370-Seelen-Ort tatsächlich ist. Die ersten drei Punkte verloren die Neustädter schon vor der Saison an den Fußballverband. Der Verein hatte es versäumt, in jeder Altersklasse eine Nachwuchsmannschaft aufzustellen – eine Vorgabe, die der sächsische Fußballverband im Sinne der Jugendförderung von allen Teams in der Sachsenliga fordert. „In den Städten ist das wahrscheinlich leichter, hier in der Region buhlt aber jeder Verein um den wenigen Nachwuchs“, erklärt Kölzow, warum der LSV diese Aufgabe nicht erfüllen konnte. Mit Spielgemeinschaften habe man versucht, Mannschaften zusammenzustellen, sei aber auch wegen Verletzungssorgen im Jugendbereich schließlich gescheitert. Träumen von höheren Gefilden erteilt der 58-Jährige deshalb eine klare Absage: „Wir müssen auf dem Teppich bleiben. Meiner Meinung nach ist für Neustadt in der Sachsenliga die Grenze erreicht.“

Hoffnung darauf, dass man länger an dieser Grenze spielt als nur ein Jahr, gaben die Spieler des LSV in ihrem ersten Testspiel nach der Sommerpause. 3:1 gewann der Sachsenligist am Wochenende gegen den großen FC Energie – auch wenn „nur“ die in der U19-Bundesliga spielende A-Jugend der Cottbuser auf dem Platz stand. Ein Ergebnis, das auch Kölzow zufrieden stellt: „Es war gut, ich bin ganz optimistisch“, so der sportliche Leiter. Insgeheim hofft er sogar, dass der Verein in der neuen Spielklasse um mehr spielen kann als nur darum, nicht wieder abzusteigen. Kölzow: „Ziel als Aufsteiger ist es natürlich, die Klasse zu halten. Ich bin aber überzeugt, dass wir in der Sachsenliga keine schlechte Rolle spielen werden.“