Egal, was diese Saison 2021/22 für den 1. FC Union noch bereithält: So viel wie am Freitagabend wurde in Berlin-Köpenick vermutlich noch nie über die Champions League gesprochen. In den Flockenwirbel rund um das Stadion Alten Försterei mischten sich süße Fußball-Träume von Duellen in der Königsklasse gegen Real Madrid und Paris St. Germain.
Dass die Champions League in aller Munde ist, liegt natürlich in erster Linie am Kontrahenten. Immerhin hatte Union Berlin mit RB Leipzig den amtierenden Vize-Meister und damit einen Champions League-Teilnehmer 2:1 (1:1) besiegt. Okay, Leipzig läuft derzeit vor allem in den Auswärtsspielen den Erwartungen hinterher und ist jetzt schon seit zehn Partien in der Fremde sieglos. Aber die individuelle Klasse der Gäste war auch am Freitagabend erkennbar. „Leipzig ist eine Champions-League-Mannschaft. Dass wir da fast nichts zulassen, ist sehr respektabel“, fasste Siegtorschütze Timo Baumgartl die 90 Minuten zusammen.
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Verdienter Sieg von Union Berlin

Baumgartl erzielte in der 57. Minute das umjubelte 2:1, das Union Berlin zumindest vorübergehend auf den Champions-League-Platz vier katapultierte. Zuvor hatten Taiwo Awoniyi (6.) und der Leipziger Christopher Nkunku (13.) getroffen. Am Ende kamen alle Analysen zum selben Ergebnis: Union Berlin hätte sogar noch höher gewinnen können, ja eigentlich sogar müssen. Denn in der Schlussphase, als Leipzig alles oder nichts spielte, gab es für die Eisernen Großchancen im Minutentakt. „Wenn man heute überhaupt etwas kritisieren kann, dann ist es die Chancenverwertung. Aber ein Heimsieg am Freitagabend gegen Leipzig – mehr geht eigentlich nicht“, erklärte Torhüter Andreas Luthe.
Vielleicht geht ja für Union Berlin in dieser Saison doch noch mehr. Der Einzug in die Königsklasse zum Beispiel. Köpenick in der Champions League – es klingt verrückt. Aber warum eigentlich nicht? Anders als von manchen Experten prophezeit, kommen die Eisernen auch mit der Dreifach-Belastung bis jetzt ziemlich gut klar. In der Bundesliga gehören sie zur Spitzengruppe. Im DFB-Pokal gibt es am 19. Januar 2022 das Achtelfinal-Derby bei Hertha BSC. Und in der Europa Conference League hat es der 1. FC Union selbst in der Hand, am Donnerstag mit einem Heimsieg gegen Slavia Prag gleich bei der Premiere die Gruppenphase erfolgreich zu meistern.
Mit jedem Sieg wächst das Selbstvertrauen. Und damit auch der Glaube in die eigenen Fähigkeiten. „Wir machen keine Unterschiede, wer der jeweilige Gegner ist. Wir haben immer einen klaren Plan – und das jetzt schon seit mehr als drei Jahren“, betonte Andreas Luthe.

Trainer Urs Fischer als Genießer

Ein weiterer Faktor für den anhaltenden Erfolg: Obwohl der Kader aufgrund der erhöhten Belastung in den drei Wettbewerben im Sommer aufgestockt worden ist, hat Trainer Urs Fischer keine Abstriche an der mannschaftlichen Geschlossenheit zugelassen. Jeder Spieler bekomme laut Timo Baumgartl „seine Einsatzzeiten und weiß, dass er ein wichtiger Teil der Mannschaft ist“. Das zeigte sich auch am Freitagabend gegen RB Leipzig. Mit Kevin Behrens, Genki Haraguchi und Andreas Voglsammer brachten in der umkämpften Schlussphase drei Einwechsler noch einmal neuen Schwung in die Offensive der Gastgeber.
Während die Fans längst von der Königsklasse träumen, hielt es Trainer Urs Fischer genau wie nach dem jüngsten Derbysieg gegen Hertha BSC: mit beinahe stoischem Realismus. Genießt er den aktuellen Tabellenplatz? Ja – aber. Es sei doch schließlich nur eine Momentaufnahme. „Ja, ich genieße den Sieg. Vor allem aber genieße ich die Art und Weise, wie die Mannschaft aufgetreten ist“, meinte der Schweizer. Und er leistete sich diesmal dann doch fast einen Anflug von Euphorie: „Im Moment sieht das schon nicht schlecht aus.“
Nicht schlecht bedeutet am Ende des Fußballjahres 2021, dass Union Berlin in der Bundesliga um die Champions-League-Plätze mitspielt. Oder wie es Offensiv-Regisseur Max Kruse nach dem verdienten Sieg gegen RB Leipzig mit einer gewohnt meinungsstarken Max-Kruse-Formulierung ausdrückte: „Ich sage das Wort ungern, aber: Das ist heute Weltklasse gewesen.“ Weltklasse in Köpenick. So manchem würde die Königsklasse in Europa wohl zunächst einmal reichen.
Trainer Urs Fischer gehört mit Union Berlin zur Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga.
Trainer Urs Fischer gehört mit Union Berlin zur Spitzengruppe der Fußball-Bundesliga.
© Foto: Odd Andersen/AFP