Stell dir vor, du bist Eishockey-Fan der Lausitzer Füchse und die Eisbären Berlin kommen nicht nur zum Testspiel kurz vor dem Saisonstart nach Weißwasser, sondern gleich zweimal im Rahmen des normalen DEL2-Spielbertriebs. Und außerdem tritt Weißwasser noch zweimal pro Saison zum Auswärtsspiel in der Mercedes-Benz-Arena an.
Das klingt verrückt – und ist es ja auch. Anders sieht es allerdings aus, wenn man einen Blick auf die aktuelle DEL-Tabelle wirft. Nach mehr als der Hälfte der Vorrunde steht der amtierende Meister völlig überraschend nur auf Platz 13 der insgesamt 15 Teams. Anders ausgedrückt: Die Eisbären Berlin sind aktuell die Enttäuschung schlechthin in der höchsten deutschen Spielklasse und schweben in Abstiegsgefahr.

Kooperation der Lausitzer Füchse

Was das mit den Lausitzer Füchsen zu tun hat? Ziemlich viel. Denn die beiden Vereine aus der einstigen DDR-Oberliga sind über einen Kooperationsvertrag eng miteinander verbunden. Junge Spieler der Eisbären Berlin werden mit einer sogenannten Förderlizenz ausgestattet und können auch für die Lausitzer Füchse zum Einsatz kommen, um in der DEL2 Wettkampfpraxis zu sammeln. Seit 2016 arbeiten die beiden früheren Dynamo-Clubs im Wege dieser Kooperation zusammen. Profitiert haben davon zum Beispiel Spieler wie Maximilian Franzreb (Bremerhaven), Charlie Jahnke und zuletzt Leon Hungerecker (beide Nürnberg). Sie alle spielen jetzt in der DEL.
„Natürlich schauen wir sehr genau, was die Eisbären Berlin machen“, sagt Dirk Rohrbach als Geschäftsführer der Lausitzer Füchse mit Blick auf die angespannte Lage in der Hauptstadt. Immerhin ist die personelle Strategie in Weißwasser maßgeblich auf die Kooperation mit Berlin ausgelegt. In der laufenden Saison kamen schon mehr als ein Dutzend Eisbären-Spieler im Fuchsbau zum Einsatz. Einige sporadisch, andere regelmäßig. U20-Nationaltorhüter Nikita Quapp beispielsweise war als feste Nummer eins eingeplant, ehe er der Youngster im Oktober durch eine Verletzung ausgebremst wurde.
Die jungen Eisbären-Spieler sind bei den Lausitzer Füchsen mehr als nur eine willkommene Ergänzung. Ohne die Kooperation müsste sich der Zweitligist in der Breite des Kaders ganz neu aufstellen. Kein Wunder, dass man in Weißwasser derzeit noch aufmerksamer als sonst in Richtung Hauptstadt schaut. Denn ein möglicher Abstieg der Eisbären Berlin wäre auch für den kleinen Bruder in der Lausitz schlichtweg ein Desaster. „Dann würde es natürlich auch keine Kooperation mehr geben“, bestätigt Füchse-Geschäftsführer Rohrbach.

Eisbären Berlin im Tabellenkeller

Ein solches Szenario hört sich zwar ziemlich unwirklich an, aber die Eisbären Berlin kommen einfach nicht aus dem DEL-Tabellenkeller. Mit dem 2:4 beim ERC Ingolstadt kassierte der Meister am Montagabend bereits die 21. Niederlage im 33. Saisonspiel. Und jetzt stehen am Mittwoch und Freitag zwei schwere Auswärtsspiele in Bremerhaven und Straubing an. „Diese zwei wichtigen Auswärtsspiele wollen wir unbedingt gewinnen“, erklärt Topscorer Marcel Noebels. Mehr noch: Siegen ist dabei schon fast Pflicht für die Eisbären, denn anschließend kommt am 2. Januar der souveräne Tabellenführer Red Bull München in die Mercedes-Benz-Arena.
Das große Problem in Berlin: Mit einem solchen Absturz in der Tabelle war nach zwei Meisterschaften in Folge nie und nimmer zu rechnen. Die Mannschaft ist dementsprechend natürlich nicht für den brutalen Kampf um den Klassenerhalt zusammengestellt. Und mit jeder Niederlage wird die Negativspirale immer bedrohlicher.
Topscorer Marcel Noebels (rechts) steht mit den Eisbären Berlin unter Druck. Der amtierende Meister liegt nur auf Platz 13 der insgesamt 15 Teams in der DEL.
Topscorer Marcel Noebels (rechts) steht mit den Eisbären Berlin unter Druck. Der amtierende Meister liegt nur auf Platz 13 der insgesamt 15 Teams in der DEL.
© Foto: Andreas Gora
Dazu kommt, dass es keine großartigen Optionen zum Nachbessern des Kaders mehr gibt. Der wegen einer Gehirnerschütterung erst im November lizenzierte Brendan Guhle aus Kanada hat völlig überraschend sein Karriere-Ende erklärt – im Alter von nur 25 Jahren. „Es war ein Schock, als Brendan uns über seine Entscheidung informiert hat. Wir wurden von dieser vollkommen unvorbereitet getroffen. Nach seiner überstandenen Verletzung war er eine wichtige Stütze in unserer Verteidigung“, räumt Sportdirektor Stephane Richer ein.
Ihre zwölf möglichen Lizenzen für Importspieler aus dem Ausland pro Saison haben die Eisbären Berlin bereits aufgebraucht. Und der deutsche Markt ist überschaubar. Kurzum: Die Lage in der Hauptstadt ist bedrohlich – die Verunsicherung riesengroß. Der abgestürzte Meister verdankt es in erster Linie den noch schwächeren Teams aus Augsburg und Bietigheim, dass er nicht auf einem der beiden Abstiegsränge steht.
Ein möglicher Abstieg der Eisbären Berlin in die DEL2 klingt dennoch nach wie vor unwirklich. Immerhin gehört der Rekordmeister seit der Gründung der DEL im Jahr 1994 ununterbrochen der deutschen Eliteliga an. Eine Etage tiefer, damals noch die 2. Bundesliga, spielte man zuletzt in der Saison 1991/92.

Gemeinsame DEL-Vergangenheit

Das letzte Punktspiel zwischen den Eisbären Berlin und Weißwasser gab es in der Saison 1995/96 – also vor über 27 Jahren. Am 3. Dezember gewannen die Lausitzer in der Hauptstadt mit 4:2. Nach dieser Spielzeit zog sich Weißwasser – damals unter dem Namen ESG Sachsen Weißwasser/Chemnitz – als Tabellenletzter aus wirtschaftlichen Gründen aus der DEL zurück.
Dass man sich in der kommenden Saison wieder in ein und derselben Liga gegenübersteht, daran glaubt Dirk Rohrbach nach eigenem Bekunden „mit keiner Silbe“. Der Geschäftsführer der Lausitzer Füchse ist sich sicher: „Die Eisbären Berlin haben genügend Qualität, um da unten herauszukommen, auch wenn es möglicherweise ein längerer Prozess wird.“ Und Eishockey-Weißwasser zittert kräftig mit.