Die Mienen sagten mehr als tausend Worte. Missmutig und einsilbig bestiegen die Dortmunder Profis am Morgen nach dem Albtraum von Liverpool den Flieger Richtung Heimat. Der graue Himmel über dem John Lennon Airport passte zur Stimmung. Das 3:4 (2:0)-Spektakel im Viertelfinal-Rückspiel der Europa League schlug allen Beteiligten noch immer mächtig aufs Gemüt. Auch Sportdirektor Michael Zorc verspürte wenig Neigung, das eigentlich Unfassbare zu kommentieren. "Es fällt schwer, das Ganze zu erklären. Vielleicht war sich der eine oder andere zu sicher."

Die Dortmunder werden länger brauchen, um dieses Drama zu verkraften. Wer eine solch spektakuläre und bittere Niederlage kassiert, geht nicht en passant zur Tagesordnung über. Für Kapitän Mats Hummels war es ein "herber Rückschlag", für Vereinschef Hans-Joachim Watzke eine "tiefe Enttäuschung", für Trainer Thomas Tuchel ein "verpasster Meilenstein".

Aus Stolz wird Entsetzen

Mit hängenden Köpfen waren die Profis am Donnerstagabend Richtung Kabine geschlichen, während der einstige BVB-Coach Jürgen Klopp im bebenden Anfield die Ovationen der heimischen Fans genoss. Binnen weniger Minuten war der Stolz der Borussen über eine famose Vorstellung und eine scheinbar sichere 2:0- sowie 3:1-Führung in Entsetzen umgeschlagen.

Der Treffer von Dejan Lovren (90.+1) in der Nachspielzeit riss sie aus allen Träumen vom Einzug in das zum Greifen nahe Halbfinale der Europa League. Weltmeister Hummels fand deutliche Worte: "Wir haben auf einmal Schiss gekriegt. Das war der realistischste Titel, der in dieser Saison rumlag. Ich dachte eigentlich - das muss ich zugeben -, dass wir das Ding holen."

Nur vier Tage nach der beim 2:2 im Revierderby auf Schalke wohl endgültig verspielten Meisterschaft musste der BVB den zweiten Titel abschreiben. Viel Zeit zur Frustbewältigung bleibt nicht. Schon am Mittwoch steht im Pokal-Halbfinale bei Hertha BSC die nächste wichtige Herausforderung an.

Indes hatten Klopp und der FC Liverpool allen Grund zur Freude. Eine bessere Dramaturgie hätte sich der einstige Dortmunder Trainer kaum wünschen können. Seine Profis erwiesen sich als Mentalitätsmonster und bescherten ihrem neuen Trainer den größten Triumph seit seinem Start an der Merseyside im Oktober. "Es war eine wundervolle Nacht", schwärmte Klopp, "so etwas passiert selten. Aber wenn es passiert, vergisst du es nie."

In den englischen Medien wurde der Coach gefeiert. "Der Tag, an dem Jürgen Klopp seine Reise von Gelb zu Rot beendete", schrieb das Boulevardblatt "Sun".