Roger Kluge ist kein Mann für Gefühlsausbrüche oder der großen Worte. Der 26-Jährige ist immer kontrolliert in seinem Handeln und seinen Aussagen, wirkt dabei ein bisschen unterkühlt - in guten wie in auch in eher schlechten Stunden. Und so schien der undankbare und unglückliche vierte Platz im Omnium - einem Mehrkampf aus Fliegender Runde, Punktefahren, Ausscheidungsfahren, Einerverfolgung, Scratch und 1000-Meter-Zeitfahren - schon wenige Minuten nach Wettkampfende und Siegerehrung für Lasse Norman Hansen aus Dänemark abgehakt. "Danke an alle fürs Daumendrücken. . . . Das Radfahrerleben geht weiter", twitterte Kluge nach der Dopingprobe und stürzte sich in die Nacht von London.

Am Tag danach machte sich dann doch bei Roger Kluge Frust über eine leichtfertig vergebene Medaillenchance breit. Nach dem verpatzten Auftakt mit Platz elf in der Fliegenden Runde hatte sich der Straßen-Profi aus dem niederländischen Argos-Shimano-Team mit einem grandiosen Auftritt und Sieg im Punktefahren zurück ins Feld der Medaillenanwärter gekämpft. Doch im Ausscheidungsfahren patzte Kluge erneut, schied in Führung liegend völlig unnötig aus und büßte vermutlich hier die entscheidenden Punkte ein, die zum Gewinn der Bronzemedaille und Platz drei fehlten, den der Brite Ed Clancy am Ende einnahm. "Ich habe die Medaille im Ausscheidungsrennen verloren", analysierte auch Kluge. Besonders bitter: Gerade in den Massenwettbewerben liegen die Stärken des schon seit einiger Zeit in Berlin lebenden Radsportlers.

Trotz Steigerung in den Zeitfahr-Wettbewerben - in der Einerverfolgung (5.) und im 1000-Meter-Zeitfahren (5.) fuhr er jeweils persönliche Bestzeit - machte Kluge keinen Boden auf die Medaillengewinner Hansen, Bryan Coquard (Frankreich) und Clancy gut. "Ich wusste, dass es nicht leicht wird. Meine Schwächen liegen im Zeitfahren. Daran habe ich zwar gearbeitet, aber man darf sich dennoch nicht zu sehr darauf konzentrieren, sonst verliert man seine Stärken und die liegen bei mir ganz klar in den Massenstarts", sagte Kluge, 2008 in Peking Olympia-Zweiter im Punktefahren.

Nun haben Radsportler gewöhnlich nicht lange Zeit zum Trauern. Zwar wurde Kluge für die Vuelta nicht nominiert, aber bei der Straßen-WM in den Niederlanden (ab 16. September) kann er mit Argos-Shimano im erstmals ausgetragenen Team-Zeitfahren möglicherweise sogar um eine Medaille kämpfen. Die "Holzmedaille" von London muss Roger Kluge aber erst noch verdauen: "Der vierte Platz ist das Undankbarste, was es gibt. Ich bin enttäuscht, da muss ich erst einmal runterkommen."