Von Michel Nowak

Wenn die Schiedsrichter Lukas und Robert Müller das Handballfeld betreten, dann schauen viele Zuschauer im ersten Moment etwas irritiert. „Das sind doch nicht etwa...?“, heißt es dann. Doch, sind sie: Die beiden aus Neuhausen/Spree bei Cottbus stammenden Handballer sind Zwillingsbrüder. Und gleichzeitig das Schiedsrichter-Team Nummer eins im Land Brandenburg.

Seit der vergangenen Saison gehören die 24-Jährigen zum Nachwuchs-Kader des Deutschen Handballbundes (DHB) und leiten auch Zweitliga-Spiele der Frauen und Männer. „In diesem ersten Jahr haben wir wahnsinnig viel gelernt“, sagt Robert Müller. Regelmäßig bekommen sie für ihre Arbeit sehr gute Kritiken. „Wir sind gemeinsam erfolgreich tätig und das macht richtig Spaߓ, sagen beide übereinstimmend über das Pfeifen.

Lukas und Robert Müller stammen aus einer Handball-Familie. Der Opa war Trainer, auch Vater Thomas in diesem Sport aktiv. Als die Söhne in die Schule kamen, begannen sie auch selbst mit dem  Handballtraining. Zunächst beim USV Cottbus, nach dessen Fusion mit dem HC Cottbus dann beim Lausitzer HC Cottbus. War es während der Grundschulzeit noch eher ein Hobby, trainierten sie ab der 7. Klasse dann als Sportschüler leistungsorientiert. „Lukas als Linksaußenspieler, ich vor allem im Rück­raum“, sagt Robert. Um die zehn Trainingseinheiten absolvierten sie jahrelang jede Woche, dazu kamen die Ligaspiele am Wochenende. Vor dem Abitur war aber – wie für so viele andere –  absehbar, dass sie keine Karriere als Profi einschlagen würden. „Dafür hätte es nicht gereicht.“

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Müller-Brüder schon erste Spiele für den LHC selbst gepfiffen. „Für uns war das eine Option, diesen Sport langfristig weiter zu machen“, so Lukas Müller, „wir haben mit dem Pfeifen ganz unten angefangen und es hat von Anfang an Spaß gemacht.“

Gerade einmal sieben Jahre ist es her, da standen Lukas und Robert nach den Spielen mit der Cottbuser A-Jugend an den Sonntagen in der Halle und pfiffen beispielsweise E-Jugend-Turniere. „Als aktive Spieler hatten wir eine gute Grundlage, aber Schiri zu sein, ist dann doch noch mal was anderes“, erinnert sich Robert Müller.

Das bestätigt Martina Saloga. Sie war in den ersten Jahren Schiedsrichter-Coach der beiden und verfolgt bis heute die Entwicklung der Müller-Zwillinge: „Sie sind begnadete Handballer und es brauchte fast ein Jahr, bis sie Spielsituationen aus der Schiedsrichter-Denkweise bewertet haben“, sagt sie. Imponiert habe ihr aber schon damals die Zielstrebigkeit der beiden. „Für die Jungs war von Anfang an klar, dass sie als Schiedsrichter bis in die Bundesliga wollen.“

Eins war – für Außenstehende wenig überraschend – von Anfang an vorhanden: „Es gab sofort ein gutes Verständnis zwischen uns beiden, wir waren und sind meist einer Meinung“, so Lukas Müller. Schon in der Saison 2013/14 pfiffen sie auf Landesebene. Auch nach dem Sport-Abi­tur blieben Robert und Lukas ein Schiedsrichter-Team, obwohl sich ihre Wege räumlich doch deutlich trennten. Robert zog nach Potsdam, um Erdkunde und Sport auf Lehramt zu studieren. Sein Bruder Lukas begann eine Ausbildung zum Polizisten in Mecklenburg-Vorpommern, spielte zunächst auch noch aktiv beim Güstrower HV. Heute wohnt er in Neubrandenburg.

Eine Distanz von mehr als 150 Kilometern trennt die beiden. Dennoch hatten sie den unbedingten Willen, gemeinsam weiter zu pfeifen. „Schiedsrichter sein bedeutet eben auch, dem Handball treu zu bleiben“, so Robert. Zudem standen und stehen ihre Eltern Peggy und Thomas hinter ihnen, auch das ist den beiden enorm wichtig.

In der Spielzeit 2015/16 konnten sie sich auch in der Jugendbundesliga behaupten, genauso wie 2016/17 im Alter von gerade etwas mehr als 20 Jahren in der Oberliga Ostsee-Spree. Ein Grund: Sie reflektieren ihre eigene Leistung ständig. „Als Schiedsrichter musst du Entscheidungen gut verkaufen“, sagt Lukas, „übrigens egal, ob sie richtig oder falsch sind.“ Wichtig sei aber, „selbstkritisch zu sein und seine Pfiffe zu hinterfragen“, so Robert, „jeder macht Fehler und ein Schiedsrichter muss auch Kritik akzeptieren.“ Generell gelte, dass sie viel in den Alltag mitnehmen. „Wir haben uns als Persönlichkeiten entwickelt“, sagen sie übereinstimmend.

Dankbar sind beide, dass ihre jeweiligen Freundinnen da mitziehen. Die Konstellation „privat“, „Job“ und „Handball“ sei nicht einfach unter einen Hut zu bringen. Und  wie sieht es mit anderen Hobbys als Handball aus? „Keine Zeit“, heißt es trocken.

In der Saison 2017/18 gehörten Robert und Lukas Müller zum DHB-Perspektivkader und leiteten neben Spielen in der Jugendbundesliga auch Drittliga-Partien im Erwachsenen-Bereich. Der rasante Aufstieg der Müller-Zwillinge ging weiter, seit 2018/19 pfeifen sie nun auch in der 2. Bundesliga. Für die nächste Saison ist das Ziel klar umrissen: der Bundesliga-Kader. Auch für den Handball-Verband Brandenburg wäre das ein Erfolg.

„Einen Traum muss jeder haben“, sagt Lukas, „wir wollen in den Elite-Kader und irgendwann mal internationale Spiele leiten.“ Mit ihren jetzt 24 Jahren sind die Zwillinge für die nächsten Herausforderungen auch vom Alter her bestens geeignet. Der Weg für die Schiedsrichter Lukas und Robert Müller kann noch ein ganzes Stück weitergehen.