Von Steven Wiesner

Hinter der NBA liegt eine spektakuläre Woche. Vielleicht sogar eine der spektakulärsten ihrer Geschichte. Im Zuge der sogenannten Free Agency, also dem Zeitfenster, in dem vertragsfreie Stars neue Franchises für ihre sportliche Zukunft erwählen, sind in den letzten Tagen mehrere Mega-Deals in der nordamerikanischen Basketball-Liga über die Bühne gegangen: So wechselte Anthony Davis zu den Los Angeles Lakers und damit an die Seite vom großen LeBron James. All-Star Kyrie Irving verließ die Boston Celtics und heuerte bei den Brooklyn Nets an, wo er mit dem zweimaligen Finals-MVP Kevin Durant Meisterschaften gewinnen soll, der wiederum mit den Golden State Warriors das Team zurücklässt, das die letzten fünf Jahre geprägt hat wie kaum ein NBA-Team zuvor. Und nicht zuletzt hat Kawhi Leonard seinen Vertrag beim aktuellen Champion aus Toronto auslaufen lassen, um sich den LA Clippers anzuschließen.

Es sind Transfers, die die Basketball-Szene wie eine Reihe von Erdbeben durchschütteln. Wer verstehen will, was diese Tauschgeschäfte bedeuten, muss sich vorstellen, Lionel Messi würde zu Hannover 96 wechseln, Cristiano Ronaldo bei Hertha BSC unterschreiben und Kylian Mbappé im Trikot von Union Berlin auf Torejagd gehen. Von jetzt auf gleich werden die Machtverhältnisse in der Liga mit diesen Deals komplett auf links gedreht.

Auch der Cottbuser Konstantin Kovalev hat den Transferwahnsinn in Amerika mit Interesse verfolgt. Aber weniger wegen der astronomischen Millionenverträge der Superstars, sondern vielmehr wegen seines Kumpels Moritz Wagner. Der 22-jährige NBA-Profi aus Berlin ist vor einem Jahr nach Übersee gegangen, aber noch immer einer der besten Freunde von Kovalev. „Wir haben wöchentlich Kontakt“, sagt der 24-jährige Cottbuser. „Auch wenn wir aufgrund der Zeitverschiebung oft aneinander vorbeischreiben.“ In einer Fernseh-Dokumentation, die aktuell beim Sport-Streamingdienst Dazn zu sehen ist und Wagners erste NBA-Saison nacherzählt, hat auch Kovalev mehrere Auftritte als Interview-Gast.

„Konsti“, wie er in Cottbus genannt wurde, hat das Basketballspielen bei den White Devils erlernt und als Teenager den Schritt nach Berlin gewagt, um dort auf dem Internat und bei Alba Berlin spielen zu können. Dort lernte er auch Moritz Wagner kennen, mit dem er vor ein paar Jahren zusammen Deutscher Nachwuchsmeister wurde. Doch während der womöglich beste Basketballer, den es in Cottbus je gegeben hat, heute in der 2. Bundesliga beim SSV Lok Bernau unter dem ehemaligen Cottbuser Trainer René Schilling Körbe wirft und nebenbei studiert, hat sich sein Buddy aufgemacht in die große, weite Welt. Nach zwei Jahren auf dem College von Michigan wurde Wagner vor einem Jahr von keiner geringeren Organisation als dem 16-maligen NBA-Champion LA Lakers (nur Boston hat noch einen Titel mehr geholt) unter Vertrag genommen. „Es ist so ein bisschen das Real Madrid der NBA“, erklärt Basketball-Experte André Voigt. „Die Lakers sind ein Mythos. Da zu spielen, ist ein Ritterschlag.“ Und auch Wagner selbst wusste sofort: „Eine größere Bühne gibt es nicht.“

Dass sein Weggefährte auf einmal bei den Lila-Goldenen in Hollywood und neben LeBron James, dem besten Basketballer seit Michael Jordan, auf dem Parkett stand, war auch für Kovalev der Wahnsinn. „Am Anfang hat man es nicht gesehen, da war er der dünne Typ. Er hat aber immer daran geglaubt, Extratraining eingelegt und war immer der Letzte, der die Halle verlässt“, sagt der junge Lausitzer. „Für mich war das ein Zeichen, dass man mit harter Arbeit wirklich weit kommen kann.“

Was er seinem Freund noch alles zutraut? „Die nächsten zwei Jahre werden entscheidend sein. Da muss er sich etablieren. Das Doofe ist, dass jeder deutsche Spieler sofort mit Dirk Nowitzki verglichen wird. Aber so eine Karriere wird wohl nie wieder ein Deutscher hinlegen.“

Kovalev blickt aber ohne Neid auf seinen Freund. Er war selbst Junioren-Nationalspieler und spielte 2015/16 auch ein Jahr in der Bundesliga bei den Gießen 46ers. „Im Nachhinein war es vielleicht nicht die richtige Entscheidung, nach Gießen zu gehen. Aber damals war es richtig. Ich bereue nichts“, sagt er. „Ich hätte gerne höher gespielt, allerdings hätte man dann auch nie Zeit für seine Freunde.“

Eine Schattenseite, die er auch bei seinem prominenten Kumpel sieht. „Außerdem ist es ein hartes Business. Wir sehen immer noch den menschlichen Hintergrund, aber die NBA ist wie ein Kartenspiel, bei dem die Manager die Spieler wild hin und her tauschen.“ Und auch das hat Moritz Wagner erfahren müssen. Am vergangenen Samstag gaben die Lakers seinen Wechsel zu den Washington Wizards bekannt. Es war eine spektakuläre Woche. Auch für Moritz Wagner und Konstantin Kovalev.