Uibel gestikulierte wild und brüllte durch das halbe Velodrom - dabei feierte das Publikum in diesem Moment Kristina Vogel. Die kleine Erfurterin war gerade zum Olympiasieg gesprintet - ohne Sattel.

"Ich bin ja echt lange dabei. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen. Nicht als Sportler, nicht als Trainer", sagte Uibel, der seit 1991 für den Bund Deutscher Radfahrer arbeitet und nach den Teamsprint-Siegen 2004 in Athen mit den Männern und 2012 in London mit den Frauen mit Vogel seinen dritten Olympiasieg feiern durfte. Hauchdünn setzte sich die 25-Jährige mit 0,004 Sekunden Vorsprung vor Rebecca James aus Großbritannien durch. Und verlor quasi mit dem Überqueren der Ziellinie den Sattel.

Ehrenplatz für den Sattel

"Ich bin die erste Olympiasiegerin ohne Sattel, oder?", fragte Kristina Vogel später in die Journalisten-Runde und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dabei musste die siebenmalige Weltmeisterin und Teamsprint-Olympiasiegerin von 2012 nach dem Zieleinlauf zunächst um den Sieg bangen. "Scheiße, das war's jetzt, Entscheidungslauf, habe ich gedacht. Aber irgendwie habe ich eben gewonnen." Der Sattel von Fizik, in schwarz-rot-goldenem Design, soll jetzt zuhause im neuen Haus in Erfurt einen Ehrenplatz bekommen - und rein kommt die Medaille.

Schon vor dem Start zum zweiten und entscheidenden Lauf musste Mechaniker Udo Knepper nochmals kurz Hand an das Look-Rennrad und den Sattel anlegen. 750 Meter mit Höchsttempo über 70 km/h blieb der Sattel auf der Stütze. "Wir haben halt mega G-Kräfte in der Kurve? Da hat er nicht ganz gehalten. Das passiert", zeigte sich Vogel in der Stunde ihres größten Triumphes gönnerhaft.

Improvisationstalent

Der 55-jährige Knepper, der vom Olympiastützpunkt Brandenburg abgestellt wird, ist zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen dabei und kümmert sich auf der Bahn ausschließlich um die Sprinter. Für die Ausdauer-Fahrer ist Sven Grundmann aus Berlin zuständig. "Kneppi ist ein Mechaniker, der sehr vielseitig ist. Er kann sehr gut improvisieren, hat eine sehr hohe Leistungsbereitschaft. Und es stimmt auch auf der persönlichen Ebene mit den Sportlern", sagte Uibel über seinen "Schrauber".

"Man muss immer wieder neu und hochkonzentriert bei der Arbeit sein", sagte Knepper vor den Finalläufen im Frauensport und verriet sein Credo: "Nachkontrolle ist immer besser." Dass dann ausgerechnet im wichtigsten Lauf des Jahres ein Teil nicht funktionierte, wurmte den Cottbuser später umso mehr und brachte Bundestrainer Uibel kurz auf die Palme. Nur Kristina Vogel reagierte gelassen: "Udo hat alles super gemacht. Alles hat gehalten bis zum Ziel - reicht doch!"