„Noch einen Satz“, ruft Trainer Eyk Pokorny seinem Schützling in der fast leeren Kraftsporthalle im Cottbuser Sportzentrum zu. Nien Hsing Hsieh nickt kurz freundlich, absolviert danach in der ehemaligen Boxsport-Halle wortlos einen weiteren Durchgang mit der Beinpresse. Seit September 2018 gehört der Taiwan-Chinese zur Sprint-Trainingsgruppe von Pokorny mit dem vierfachen Weltmeister Maximilian Levy sowie den Nachwuchsfahrern Anton Höhne, Carl Hinze und Elias Edbauer – und greift in dieser Saison richtig an.

Nien Hsing Hsieh, den alle nur ,Momo“ rufen, hat in den vergangenen zwölf Monaten eine erstaunliche Entwicklung hingelegt und will am Wochenende beim zweiten Bahn-Weltcup im schottischen Glasgow den nächsten Schritt machen. Bei den Asien-Meisterschaften in Jincheon (Korea) – vergleichbar mit den Europameisterschaften im Bahnradsport – belegte der 20-Jährige Mitte Oktober einen guten siebten Platz. Mit den dort gesammelten Punkten kletterte der Taiwanese in der Weltrangliste bis auf Platz 32 – und liegt dort zurzeit sogar vor seinem großen Vorbild Maximilian Levy (37.).

Beim Sprint-Cup 2017 war „Momo“ das erste Mal in Cottbus zu Besuch. Damals trainierte er noch am World-Cycling-Center des Radsport-Weltverbandes in Aigle. „Damals habe ich Max und Eyk kennengelernt und gesehen, dass das Umfeld für Training hier sehr, sehr gut ist“, erzählt er in Englisch. Nach diversen Gesprächen mit dem Bund Deutscher Radfahrer und dem Olympiastützpunkt gelang im September 2018 der Wechsel aus der Schweiz in die Lausitz.

„Bisher bin ich sehr happy mit meiner Verbesserung. Die Sportler haben hier ein sehr hohes Niveau – das ist für mich sehr motivierend“, erklärt „Momo“, der nach dem letzten und 39. Rang im Sprint beim Großen Preis von Deutschland in Cottbus 2017 in diesem Jahr als Dritter auf dem Podium stand.

„,Momo’ hat auf jeden Fall unsere Trainingsgruppe bereichert. Und für die Außenwirkung unseres Standortes ist so ein Wechsel auch nicht schlecht“, berichtet Pokorny über seinen Schützling, der momentan der Schnellste von der U-23-Fahrern ist. „Er ist in Taiwan lange auf der Straße gefahren, bevor er nach Europa kam. Deshalb tut er sich taktisch noch ein bisschen schwer“, so Pokorny.

Schnelle Zeiten hat er aber schon drauf: Bei den Asien-Meisterschaften fuhr er die 200 Meter in 10,176 Sekunden. „Der nächste Schritt soll jetzt beim Weltcup in Glasgow eine Zeit unter zehn Sekunden sein“, erklärt sein Trainer.

In Cottbus hat sich der Nien Hsing Hsieh inzwischen in seiner eigenen kleinen Wohnung gut eingelebt. „Er ist sehr selbständig und fühl sich in Europa wohl“, sagt Pokorny. Im Juni haben ihn seine beiden Brüder hier besucht. „Cottbus ist eine schöne Stadt. Ich mag es hier, alle sind sehr freundlich zu mir“, erklärt er mit leiser Stimme. Mangels Unterstützung des taiwanesischen Verbandes muss „Momo“ den Leistungssport komplett allein finanzieren, setzt zurzeit komplett auf diese Karte. „Meine Eltern unterstützen mich aber zu 100 Prozent und helfen mir beim Verfolgen meiner Träume“, erklärt er.

Ein Traum ist die Teilnahme an den Weltmeisterschaften Anfang 2020 im Berliner Velodrom. Und die Chancen dafür stehen nicht einmal schlecht. Nach dem Weltcup in Glasgow geht Nien Hsing Hsieh auch in Hongkong und Cambridge/Neuseeland an den Start und will dort weiter fleißig Punkte sammeln. Die Top 36 der Weltrangliste qualifizieren sich für die WM. „Ja, in Berlin möchte ich unbedingt dabei sein“, erklärt er.

Und ein weiterer Traum wäre mangels Unterstützung aus der Heimat der Wechsel der Nationalität – Anfragen soll es sogar schon gegeben haben. „Ich könnte mir vorstellen, einen deutschen Pass anzunehmen. Und dann möchte ich 2024 unbedingt bei den Olympischen Spielen dabei sein“, sagt Nien Hsing Hsieh – und in Paris möglicherweise die große Cottbuser Radsport-Tradition fortsetzen.