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Spitzenpolitiker sind in alle Himmelsrichtungen verstreut

Warum in die Ferne schweifen – das nächste Urlaubsziel liegt doch so nah. Das scheint in diesem Jahr das Motto der meisten Bundesminister zu sein. Von Karin Kails <br> und Nadine Schwede

In Zeiten der Wirtschaftskrise reisen die Berliner Spitzenpolitiker lieber in die Toskana, an die Nordseeküste und in die Alpen, um dort über die Haushaltsmisere und die Gesundheitsreform zu sinnieren. Schließlich ist nur ein Teil der ehrgeizigen Reformprojekte bis zur großen Sommerpause auf den Weg gebracht worden. Doch ein wenig Ruhe mag helfen, damit sich die Berliner im Herbst mit Kraft an die eigentliche Kernarbeit machen können.
Das Top-Reiseziel dieses Sommers ist in Politikerkreisen Italien. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vertraut dabei auf den Geschmack von Millionen Deutschen. Er fährt in die Nähe von Rimini und bleibt damit seiner alten Urlaubsliebe Italien treu. Möglicherweise begegnet er unterwegs einigen Kollegen. Innenminister Otto Schily (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) wollen zwar offiziell nicht bekannt geben, wo sie ihre Ferien verbringen. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass sie - ebenso wie der Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer - ihre Ferien häufig in der Toskana verbringen.
Auch der Norden Europas steht bei den Grünen hoch im Kurs: Die Fraktionsvorsitzende Krista Sager fährt ins Sommerhaus in Dänemark, Grünen-Chefin Angelika Beer will am Strand Dänemarks "tief durchatmen".
An einem Ostsee-Strand wird auch Bundesverbraucherministerin Renate Künast sitzen und "auf die nächste Welle warten". In welcher Küste dieser Strand liegt, will sie nicht verraten. Nur so viel ist zu erfahren: Es ist ein EU-Beitrittsland. Nach anstrengenden EU-Agrarverhandlungen will die Grünen-Politikerin also in Polen oder einem der baltischen Länder Schlaf nachholen. Sie hat zwei dicke Wälzer im Gepäck: das neue Buch von Hillary Clinton und eine Biografie über Willy Brandt.
Was Bundespräsident Johannes Rau im Urlaub liest, weiß man nicht. Nur so viel steht fest: Rau fährt wie jedes Jahr mit seiner Familie auf die Nordseeinsel Spiekeroog. Auch SPD-Fraktionschef Müntefering lässt sich von der Nordseebrise auf Norderney inspirieren - für einen Sozialdemokraten ein wegweisender Ort, denn dort gibt es den einzigen linksdrehenden Leuchtturm der Republik.
CDU-Chefin Angela Merkel zieht es dagegen in den tiefen Süden, ins Stoiberland. Sie besucht zunächst die Festspiele in Bayreuth. Die weitere Urlaubsplanung steht noch nicht fest.
In weit entfernte Regionen zieht es Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) und Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) nicht. Wieczorek-Zeul fährt zunächst nach Südtirol und dann an den Bodensee. Bulmahn will sich im Ferienhaus in der Nähe von Minden wieder mit ihren vernachlässigten Katzen Flusi und Waldorf anfreunden, für die sie sonst so wenig Zeit hat. Familienurlaub macht Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), der nach Holland fährt.
FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt kommt nach zwei Wochen auf Ibiza wieder nach Deutschland zurück, damit er nicht das Formel-1-Rennen auf dem Hockenheimring verpasst. Seine eigenen Runden dreht er mit dem Fahrrad rund um den Vogelsberg in Hessen. Über die Notlage des Gesundheitssystems kann sich indes Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Gedanken machen, wenn sie durch Südspanien wandert.
Unentschlossen ist nur noch FDP-Chef Guido Westerwelle. Er sucht noch den "perfekten Urlaubsort" für August. Dieser soll am Wasser liegen, Sportmöglichkeiten bieten und einen Internetanschluss haben. Denn: Westerwelle will in sonniger Atmosphäre die Arbeit an seinem neuen Buch beenden.
Nur Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) tanzt aus der Reihe der Freunde Europas. Der SPD-Politiker verlässt den Kontinent und erfüllt sich einen kleinen Lebenstraum. Und der ist dem Amt eines Verteidigungsministers entsprechend etwas abenteuerlich: Struck saust mit einer Motorrad-Gruppe, zu der auch Innen-Staatssekretärin Ute Vogt gehört, über die legendäre Route 66 in Kalifornien. Vielleicht ist das ja ein Beitrag zur Wiederannäherung zwischen Deutschland und den USA nach der schweren Irak-Krise.