Es war keine Überraschung, dass Timo Meškank in diesem Herbst ein umfangreiches Buch zum Thema Sorben und Staatssicherheit vorlegte.

Der Historiker, selbst Sorbe, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schicksal seines Volkes in der DDR-Zeit. Seine daraus gewonnene Grundüberzeugung: Die DDR benutzte die Sorben als Vorzeigeminderheit. In keiner Epoche sei die Assimilation der Sorben so fortgeschritten wie unter der kommunistischen Diktatur. Die vermeintlich großzügige Förderung sei vor allem Propaganda gewesen, und das SED-Regime traute den Sorben wie allen DDR-Bürgern nicht über den Weg. Deshalb wurde auch die slawische Minderheit überwacht.

Dafür mussten Sorben als Spitzel gewonnen werden, was auch gelang, obwohl jeder dritte Anwerbeversuch nach den Untersuchungen von Meškank scheiterte. 134 sorbische Stasi-Zuträger, die seit den 50er-Jahren aktiv waren, listet er namentlich auf.

Darunter sind Bürgermeister, Lehrer, Pfarrer, Künstler, Dozenten am sorbischen Institut in Leipzig und vor allem Journalisten des sorbischen Rundfunks und der sorbischen Zeitungen. Gerade Letztere blieben, so Meškank, auch noch lange nach dem Ende der DDR in ihren Funktionen.

Das Buch des Historikers beschreibt konkrete Beispiele der Zuträgerarbeit, erläutert jedoch auch umfangreich die grundsätzliche Arbeit der Staatssicherheit mit "Inoffiziellen Mitarbeitern" (IM). Fast alle waren auch Mitglieder der "Domowina", der Dachorganisation sorbischer Vereine.

Bernhard Ziesch war zum Ende der DDR Vorsitzender der Domowina. Bis Jahresende ist er ihr Geschäftsführer. "Die Domowina war die einzige Sorbenorganisation, die gleich nach der Wende ihren Vorstand und ihre Mitarbeiter überprüft und auch daraus Konsequenzen gezogen hat", so Ziesch. Er sei beim Lesen des Buches von Timo Meškank erstaunt gewesen, wie viele IM es unter den sorbischen Journalisten gegeben habe und unter den Künstlern. Ziesch lobt das Buch als "große Fleißarbeit". Ihm fehle jedoch darin ein "Abgleich mit Zeitzeugen".

Mit der Veröffentlichung, so Ziesch, sei ein Diskussionsprozess angestoßen worden, der sicherlich auch kontrovers verlaufen werde. Auch er bedauert, dass die Stasi-Verstrickung von Sorben nicht eher aufgearbeitet wurde: "Das ist ein Stück Geschichte, der wir uns stellen müssen."

www.lr-online.de/sorben

Zum Thema:
Das Buch von Timo Meškank ist im Domowina-Verlag erschienen. Es hat 496 Seiten und kostet 29,90 Euro. Unter der ISBN-Nummer 978-3-7420-2363-6 kann es im Handel bestellt werden.Timo Meškank wurde 1965 in Dresden geboren. Er studierte Sorabistik und Geschichte und arbeitet heute als Privatdozent am sorbischen Institut der Universität Leipzig. sim