Bernd Güttes ist ein bodenständiger Mann. Der 65-jährige Chemiker lebt noch immer in dem roten Klinkerhaus in Sallgast (Elbe-Elster), in dem er geboren wurde. „Ich war ein ganz unauffälliger DDR-Bürger“, sagt Güttes über sich. Trotzdem füllt eine „Operative Personenkontrolle“ (OPK) der Staatssicherheit eine 200 Seiten starke Akte über den Chemiker, der in der Forschungsabteilung des ehemaligen Synthesewerkes Schwarzheide (Oberspreewald-Lausitz) gearbeitet hatte. 16 Spitzel lieferten für die OPK „Forscher“ Informationen über ihn.Im fünften und letzten Band der Betriebschronik des Synthesewerkes, die vor wenigen Tagen vorgelegt wurde, sind drei Seiten aus der OPK in Kopie nachzulesen. Nur sehr kurz geht die Chronik selbst auf die Arbeit des DDR-Geheimdienstes im Werk ein.

Doch dem Chronikband liegt ein zehnseitiges Heft bei, in dem der Leiter der Stasiunterlagenbehörde, Außenstelle Frankfurt (Oder), Rüdiger Sielaff, das Thema sachkundig darstellt. Darin geht es, so der Auftrag an Sielaff, um Zahlen, Daten und Fakten, nicht um Bewertungen oder die Offenlegung früherer Zuträger.„Es sollte niemand angeprangert und keine alten Rechnungen beglichen werden“, begründet das Karl-Heinz Tebel, Geschäftsführer der BASF Schwarzheide. Doch anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Übernahme durch BASF sollten sich auch nachdenkliche Töne in den Jubel mischen. „Das Synthesewerk war Teil des Ganzen und keine Insel der Seligen“, so Tebel. Noch heute sei spürbar, dass ältere Kollegen tief geprägt seien von dem, was sie in der DDR mitgemacht hätten.Aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung hatte die Stasi-Kreisdirektion Senftenberg im Synthesewerk eine eigene Dienststelle eingerichtet. Das Werk arbeitete zum Teil mit importierten Westanlagen und produzierte auch für den Export. Ein abgeschotteter Forschungsbereich beschäftigte sich ab 1980 mit militärischen Aufträgen wie der Entwicklung spezieller Sprengstoffe und Raketentreibmittel.Sieben hauptamtliche Mitarbeiter, ein „Offizier im besonderen Einsatz“ (OibE) und über 200 inoffizielle Mitarbeiter (IM) waren in einem speziellen Referat nur für diesen Großbetrieb tätig.
Dazu kamen Spitzel, die von der Stasibezirksverwaltung in Cottbus direkt geführt wurden. 1980 kam Werner Lotze, ein ehemaliges Mitglied der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF), nach Schwarzheide. Die Stasi hatte ihn mit einer falschen Identität versehen und achtete darauf, dass er bis zum Untergang der DDR nicht enttarnt wurde. Lotze arbeitete als Kraftfahrer, später als Anlagenfahrer im Synthesewerk.Neben solchen „Spezialaufträgen“ schnüffelte der DDR-Geheimdienst in dem Großbetrieb mit seinen Zuträgern tief im Privatleben unbescholtener Mitarbeiter wie Bernd Güttes.Der Naturwissenschaftler war schon als junger Mann in Sallgast kirchlich engagiert. Mit einer Partnergemeinde aus dem Rheinland gab es ein Treffen in Berlin. Güttes freundete sich mit einem Rheinländer an, der ihn dann mehrmals in der Lausitz besuchte. „Die dachten, ich verrate dem Geheimnisse“, erzählt Güttes, was er in seiner Stasiakte als Anlass für seine Bespitzelung fand. Im Abschlussbericht wurde er als „Unsicherheitsfaktor“ eingestuft, der weiter zu beobachten sei.

Bei der Wahrung von Dienstgeheimnissen war ihm jedoch nicht der kleinste Fehler nachzuweisen.Vorher hatte sich die Stasi tief in sein Leben gegraben. In einer 50 Seiten starken Beiakte fand Güttes Kopien seines Briefwechsels mit dem Rheinländer. „Da war sogar ein Brief meiner Tochter dabei.“ Das Telefon im Büro einer Werkstatt, die Güttes auf seinem Grundstück vermietet hatte, wurde verwanzt, weil der Chemiker dort gelegentlich telefonierte. Der Handwerker, dem der Anschluss gehörte und der mit all dem nichts zu tun hatte, wurde gleich mit abgehört.Nach der Übernahme durch BASF, erinnert sich Güttes, bekamen alle leitenden Mitarbeiter neue Arbeitsverträge. Dabei mussten sie auch über eventuelle Stasikontakte Auskunft geben. Wer log und später aufflog, musste gehen. „Das kam manchmal über die Opferakten heraus.“Bernd Güttes bekam seine Stasiakte Mitte der 90er-Jahre zu sehen. Unter seinen Kollegen erzählte er davon und bot jedem an, bei ihm zu Hause einen Blick hineinzuwerfen. „Da sind viele gekommen.“ Auch drei Stasizuträger suchten Gespräche mit ihm.

Deren Verlauf war jedoch für den Chemiker eher eine Enttäuschung: „Die haben nur Bruchstücke zugegeben, die hatten das alles sehr verdrängt.“Den Schritt von BASF, sich mit diesem Teil der Werksgeschichte auseinanderzusetzen, findet Güttes lobenswert. „Andere Großbetriebe in der Region sollten das auch machen“, sagt er. „Solange die Zeitzeugen noch leben.“ Der Sallgaster hat kürzlich sein Angebot an BASF-Mitarbeiter erneuert, in aller Ruhe mal in seiner OPK-Akte „Forscher“ zu blättern. Es kommen jetzt wieder Kollegen zu ihm in das rote Klinkerhaus in Sallgast, sagt Güttes, auch ganz junge.

Zum Thema:

Das Werk wurde 1935 für die Benzinherstellung aus Kohle gegründet und im Krieg erheblich zerstört. Bis Ende der 60er-Jahre blieb die Kohleverflüssigung in Betrieb. Danach begann der Umbau des Werkes vom Rohstoff Kohle auf Erdöl.Ab 1972 bekam das Werk eine besondere wirtschaftliche Bedeutung, weil hier die größte Produktionsanlage im Ostblock für Polyurethane in Betrieb ging.Polyurethane sind variabel einsetzbare Kunststoffe, die zum Beispiel als Schuhsohlenmaterial, für Autositze und als Wärmedämmstoff verwendet wurden. Daneben produzierte das Synthesewerk Pflanzenschutzmittel.